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Müggel­heim

Ortsteil im Bezirk Treptow-Köpenick · Runde 60 von 74

Müggelheim ist ein Dorf im Wald, ganz im Südosten von Berlin, zwischen Müggelspree, Großer Krampe und Seddinsee. Pfälzer Familien haben es 1747 gegründet, einen Bahnhof gibt es bis heute nicht. Am 29. Januar 2023 bin ich eine große Runde von 17 Kilometern gelaufen, vom Anger an der Großen Krampe entlang bis an den Seddinsee und durch den Wald zurück.

Länge der Runde17,0 km
Gehzeit3:33 h
Gelaufen am29. Januar 2023
Einwohner*innen6.993
Fläche22,22 km²
Bahnhöfekeiner

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Kurz gesagt

  • Am 1. Juni 1747 gründeten 20 Familien aus Odernheim in der Pfalz das Dorf auf dem Köpenicker Werder.
  • Als Müggelheim 1920 zu Groß-Berlin kam, war es mit 186 Einwohner*innen die kleinste Landgemeinde.
  • Aus Müggelheim stammt Johann Jacob Baeyer, der Begründer der internationalen Erdmessung. Ein Denkmal auf dem Anger erinnert an ihn.
  • Heute wohnen in Müggelheim rund 7.000 Menschen.

Geschichte

Friedrich II. holte 1747 20 Pfälzer Familien aus Odernheim an den Müggelsee. Sie versuchten zuerst, Wein anzubauen. Das klappte nicht, und sie lebten danach von Ackerbau und Fischerei. Das Dorf entstand als langgestrecktes Angerdorf, rund um den Anger lagen die Bauernhöfe. Eine Gedenktafel in der Kirche von 1847 nennt die Familien Werger, Hembt, Genzler, Marx, Baeyer und Grimm, die schon 1747 dabei waren. Die Familie Hembt stammte ursprünglich aus Hampton in England und war erst in die Pfalz gezogen.

Ab 1749 unterrichtete Johann Peter Tisch die Kinder. 1763 wurde ein Schulhaus beantragt, dessen größter Raum bis 1804 als Betstube diente. Ab 1765 drängte die Gemeinde auf eine Kirche, eingeweiht wurde sie erst 1804. Bis Ende des 19. Jahrhunderts wuchs das Dorf nur langsam.

Ab etwa 1890 kamen Ausflügler*innen, und mit ihnen Gaststätten und Villen. Weil Friedrichshagen viel besser angebunden war, wurde Müggelheim aber kein Vorort, sondern blieb ländlich. 1920 kam es als kleinste Landgemeinde mit 186 Einwohner*innen zu Groß-Berlin, in den Bezirk Köpenick.

Im Zweiten Weltkrieg standen in Müggelheim zwei Flakbatterien, und der Ort war deshalb Ziel von Luftangriffen. An der Sobernheimer Straße lag von April 1944 bis Februar 1945 ein Außenlager der SS-Baubrigade II, die vorher in Hamburg dem KZ Neuengamme unterstellt war. Die Häftlinge kamen laut Müggelheimer Bote aus verschiedenen Konzentrationslagern, im November 1944 waren es knapp 600. Sie mussten Behelfsheime und Kleinwohnungen für ausgebombte SS-Angehörige und Soldaten bauen, etwa 320 Häuser entstanden, viele davon unfertig. Am Ort erinnerte 2019 nichts an das Lager. Nach 1945 gehörte Müggelheim zu Ost-Berlin, seit 2001 gehört es zum Bezirk Treptow-Köpenick.

Was Müggelheim ausmacht

In der Mitte liegt bis heute der Anger mit Kirche und alter Schule. Das ganze Angerdorf steht als Ensemble unter Denkmalschutz. Die Bauernhäuser stammen allerdings nicht aus der Gründungszeit, sondern aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ein Großbrand zerstörte 1860 mehrere Häuser. Rund um den alten Ort stehen Einfamilienhäuser, manche Straßen sind nicht befestigt. Im Süden liegt der Wohnpark Ludwigshöhe, im Nordosten die Siedlung Schönhorst.

Der größte Teil von Müggelheim ist Wald und Wasser. Der Ortsteil liegt auf dem Köpenicker Werder zwischen Müggelspree, Dämeritzsee, Seddinsee und Großer Krampe. Im Westen bilden die Müggelberge die Grenze, im Osten das Land Brandenburg. Eine S-Bahn oder U-Bahn gibt es nicht, nur die Busse 169 und 369 und drei Fähren nach Schmöckwitz und Rahnsdorf.

Orte, die sich lohnen

Anger und Gründungstafel

Start und Ziel meiner Runde ist der Anger von Alt-Müggelheim, an der Bushaltestelle Müggelheim/Dorf. Am nordwestlichen Ende des Angers hängt eine Tafel: „Müggelheim: Am 1. Juni 1747 von 20 Familien aus Odernheim/Pfalz gegründet.“ Das am genauesten datierte Bauteil ist die Scheune von Alt-Müggelheim 3, ihr Holz ist auf 1859/60 datiert. Bei mehreren Höfen war der Bauherr 1887 noch ein „Kolonist“, 140 Jahre nach der Gründung.

Dorfkirche und Friedensstein

Die Dorfkirche auf der Mittelinsel des Angers ist ein schlichter, quadratischer Putzbau mit hohen Fenstern. Am 1. Juli 1804 wurde sie eingeweiht. 1907 stürzte der Dachstuhl ein, beim Neubau bekam die Kirche einen Dachreiter. 1943 wurde sie bei einem Luftangriff beschädigt und war bis Juli 1945 nicht zu benutzen. Seit Weihnachten 1950 hat sie Bleiglasfenster von Paul Rotkait. Gegenüber dem Eingang hängt eine Tafel mit goldener Schrift, die 1847 zum 100. Jubiläum aufgehängt wurde. Sie nennt die 21 Wirte, die damals die Höfe hatten. In den ersten hundert Jahren gab es im Dorf 501 Geburten und 261 Todesfälle.

Neben der Kirche steht seit 2008 ein Friedensstein mit einem Satz von Albert Schweitzer: „Das Wenige, das du tun kannst, ist viel.“ Die Idee dazu entstand während des Irakkriegs.

Alte Schule

Ein paar Häuser weiter steht die Dorfschule. Sie hat die Nummer 21, entworfen hat sie Kreisbauinspektor Bohl, gebaut wurde sie 1889 und 1890. Heute ist sie der Dorfklub „Alte Schule“. Hier gründete sich 1990 der Heimatverein, und seine Arbeitsgruppe Heimatmuseum hat hier ihre Sammlung und macht Ausstellungen.

Denkmal für Johann Jacob Baeyer

Am östlichen Rand des Angers, gegenüber der Kirche, steht ein Stein mit einer Kugel aus Metall. In die Kugel ist ein Netz aus Längen- und Breitengraden eingraviert. Das Denkmal von Hans Füssel wurde am 6. Oktober 1962 enthüllt, zum 100-jährigen Bestehen der internationalen Erdmessung. Johann Jacob Baeyer wurde 1794 in Müggelheim geboren, sein Vater war Landwirt und Schullehrer. Baeyer wurde Geodät und regte 1861 die Mitteleuropäische Gradmessung an. Auf dem Müggelberg legte er einen Messpunkt an, der 1857 einer der Ausgangspunkte für die Vermessung Berlins wurde. Sein Sohn Adolf von Baeyer bekam 1905 den Nobelpreis für Chemie.

Stolpersteine Alt-Müggelheim 17

In der Nummer 17 hatte der Bäcker Paul Milke seine Bäckerei. Seine Frau Hertha Milke war Jüdin. Sie wurde nach Auschwitz deportiert und dort am 26. Mai 1943 ermordet. Die Tochter Ursula Milke, geboren 1919, wurde ebenfalls nach Auschwitz deportiert, am 16. September 1943 nach Ravensbrück und dort am 16. Juni 1944 ermordet. Für Ursula wurde 2012 ein Stolperstein verlegt. Für ihre Mutter lag ein Jahr lang ein Platzhalter im Pflaster, bis Jugendliche der Kirchengemeinde nachgewiesen hatten, dass auch sie ein Opfer der Verfolgung war. 2013 kam ihr Stein dazu.

Alter Friedhof und Curt Grottewitz

Vom Anger führt die Runde über den Krampenburger Weg nach Süden. Ein Stück abseits des Wegs liegt der alte Friedhof, angelegt 1810. 1968 wurde hier zum letzten Mal jemand begraben, in den 1980er Jahren wurde er eingeebnet und eine Grünanlage. Stehen blieb der Grabstein von Curt Grottewitz.

Grottewitz hieß eigentlich Max Curt Pfütze und kam aus dem Dorf Grottewitz bei Grimma, dessen Namen er 1893 annahm. Er schrieb für Wander- und Naturfreund*innen und unterstützte die Arbeiterwanderbewegung. In Müggelheim lebte er im heutigen Müggelheimer Gasthof. 1905 ertrank er mit 39 Jahren beim Baden in der Großen Krampe.

Große Krampe

Hinter dem Gosener Damm erreicht die Runde das Westufer der Großen Krampe und folgt ihm nach Süden. Die Krampe ist ein Seitenarm der Dahme, rund drei Kilometer lang, eine Rinne aus der Eiszeit, die Schmelzwasser unter dem Gletscher ausgeschürft hat. Auf halber Strecke zur Krampenburg liegt eine Badebucht mit Sandstrand. Am Krampenburger Weg steht in einer kleinen Grünanlage hinter der Feuerwache, am Ufer der Krampe, ein Gedenkstein, der 1967 zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution eingeweiht wurde.

Ein Stück abseits liegt der Zeltplatz „Kuhle Wampe“. 1920 bauten Köpenicker Naturfreunde hier zwei alte Fischerhütten zu einem Stützpunkt für Wanderer aus. Den Namen bekam der Platz 1976, zur Erinnerung an die Zeltkolonie am Müggelsee, bekannt aus dem Film „Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?“ von 1932. Diese Kolonie lag in Köpenick.

Am Südende der Krampe, ein Stück abseits meiner Runde, liegt auf einer Landzunge die Krampenburg. Robert Voigt eröffnete das Ausflugslokal 1906. 1918 kam er bei einem Brand im großen Saal ums Leben, seine Söhne machten weiter. Ab 1930 entstanden ringsum Lauben. 1977 schloss „Voigts Krampenburg“, seitdem ist sie eine Ruine. Neben der Laubenkolonie legt die Fähre F21 nach Schmöckwitz ab.

Am Seddinsee

Nach gut vier Kilometern kommt die Runde an die Windecke, eine kleine Landzunge mit Schutzpilz. Von hier siehst du rechts die Dahme und links den Seddinsee. Er ist 2,9 Kilometer lang und eigentlich eine Bucht der Dahme. Das Südufer gegenüber gehört schon zu Schmöckwitz. Am Ufer entlang geht es an der Kleinen Krampe vorbei, an einer Landzunge mit Bank, die Windwall heißt, mit Blick auf die Insel Seddinwall.

Fahlenberg und Gosener Kanal

Nach gut neun Kilometern verlässt die Runde das Ufer. Bei Fahlenberg kommt sie nah an den Gosener Kanal. Er verbindet Dämeritzsee und Seddinsee. Die ersten Pläne entstanden schon 1922, danach ruhte das Vorhaben rund zehn Jahre. Am 15. August 1933 war der erste Spatenstich, dafür lag in Fahlenberg ein Lager des Arbeitsdienstes mit rund 220 Mann. Der Kanal kürzte Lastkähnen den Weg um bis zu 18 Kilometer ab, ersparte manchen die Fahrt über den Müggelsee und entlastete die Dahme bei Grünau, wo 1936 die olympischen Ruder- und Kanurennen stattfanden. Ende Januar 1936 wurde er freigegeben. Die 360.000 Kubikmeter Boden wurden von Hand bewegt.

Ein Stück abseits führt die Gosener Landstraße über den Kanal nach Brandenburg. Im Januar 2023 fuhren die Autos dort über eine Behelfsbrücke. Dafür war der 630 Tonnen schwere Überbau der alten Fahlenbergbrücke zur Seite gesetzt worden, damit an der alten Stelle die neue gebaut werden konnte. Seit Juli 2024 rollt der Verkehr über die Neue Fahlenbergbrücke.

Pelzlaake

Im Wald nördlich von Fahlenberg liegen die Pelzlaake und die Krumme Laake, verzweigte Moorrinnen im Sand des Urstromtals. „Laake“ ist niederdeutsch und bezeichnet stehendes Wasser. Die Krumme Laake ist schon seit 1927 Naturschutzgebiet, seit 2017 gehört das Gebiet zum Naturschutzgebiet Müggelspreeniederung Köpenick, dem größten in Berlin. Meine Runde führt durch den Wald an der Pelzlaake vorbei, die Krumme Laake liegt weiter abseits. Durch die Siedlung Schönhorst und über den Neuhelgoländer Weg geht es zurück ins Dorf.

Meine Runde

Meine Runde ist 17 Kilometer lang, ich war gut dreieinhalb Stunden unterwegs. Start und Ziel ist der Anger, einen Bahnhof gibt es in Müggelheim nicht. Rund zwei Drittel der Strecke sind Wald und Ufer, oft liegt das Wasser direkt neben dem Weg. Ende Januar 2023 waren die Bäume kahl, und es war neblig.

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Am Wegesrand

Eine Glocke, fünfzig Schritte entfernt. Bis 1911 hatte die Dorfkirche nur eine Glocke, und die hing nicht in der Kirche, sondern in einem Nebenbau etwa 50 Schritte entfernt. Der Chronist Karl Schwarzlose bescheinigte ihr 1897 „einen sehr wenig feierlichen Klang“.

Trümmer rein, Kies raus. Nach dem Krieg brachten Schiffe Schutt aus dem zerbombten Berlin an den Seddinsee und kippten ihn in die Kleine Krampe. Zurück nahmen sie Kiessand für den Wiederaufbau mit, den eine Lorenbahn aus der Seddingrube zum Hafen brachte. Der Hafen wurde bis etwa 1952 genutzt.

Brot am Backofengestell. Der Weg Backofengestell heißt so, weil die Bäume früher so klein waren, dass die Bauern von dort den Schornstein vom Backofen der Unterförsterei Fahlenberg sehen konnten. An festen Tagen kamen die Müggelheimer*innen in die Försterei und backten Brot.

Die Wendische Spree. Die Dahme an der Windecke hieß bis 1938 Wendische Spree.

Ein Ruderboot im BVG-Tarif. Am Nordrand von Müggelheim fährt die Fähre F24 über die Müggelspree nach Rahnsdorf. Sie ist ein rotes Ruderboot, die „Paule III“, benannt nach dem Fährmann Paul Rahn, der hier von 1978 bis 2002 ruderte. Die Strecke ist rund 36 Meter lang. Seit 1911 gibt es die Verbindung, damals ruderte ein Fischer auf Zuruf. 2015 sollte sie eingestellt werden, Anwohner*innen und der Bezirksbürgermeister haben das verhindert.

Neu-Helgoland. Ein Fischer soll gefunden haben, sein Grundstück an der Müggelspree sehe aus wie Helgoland. So kam das Ausflugslokal Neu-Helgoland zu seinem Namen. In der Nacht zum 2. Januar 2002 brannte es ab, alle alten Pläne verbrannten mit. Beim Neubau hatten die Architekt*innen nur ein altes Foto als Vorlage.

Gut zu wissen

Mit Bus und Fähre: Müggelheim hat keinen Bahnhof. Hin kommst du mit den Bussen 169 und 369 oder mit den Fähren: Die F21 kommt von Schmöckwitz, die F24 von Rahnsdorf, die F23 hält in Neu-Helgoland. Alle drei fahren nur von Frühjahr bis Herbst.

Mehr auf dieser Seite: Der Müggelturm und der Teufelssee in den Müggelbergen liegen schon in Köpenick.

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