Berliner Ortsteile / Treptow-Köpenick / Johannisthal
Johannisthal
Ortsteil im Bezirk Treptow-Köpenick · Runde 10 von 74
Johannisthal liegt im Westen von Treptow-Köpenick, zwischen dem Wald der Königsheide und dem Feld, auf dem 1909 der erste Motorflugplatz Deutschlands eröffnet wurde. Am 28. Juli 2021 bin ich hier 9,5 Kilometer gelaufen: am Kinderheim in der Königsheide vorbei, durch das alte Johannisthal am Sterndamm und einmal über das frühere Flugfeld.
Kurz gesagt
- Johannisthal wird 1753 zum ersten Mal erwähnt. Der Name geht wahrscheinlich auf den Erbpächter Johann Wilhelm Werner zurück.
- Am 26. September 1909 wurde hier der erste deutsche Motorflugplatz eröffnet. 1911 bekam Melli Beese in Johannisthal als erste Frau in Deutschland den Flugschein.
- In umgebauten Flugzeughallen drehte F. W. Murnau die Innenaufnahmen zu „Nosferatu“.
- Heute wohnen in Johannisthal rund 23.000 Menschen.
Geschichte
Spärliche Siedlungsreste stammen wahrscheinlich aus der Zeit um 1200, im Landbuch von 1375 steht an dieser Stelle aber kein Ort. Zum ersten Mal erwähnt wird Johannisthal in einer Kabinettsorder des preußischen Königs vom 16. November 1753. Den Namen hat es wohl vom Erbpächter Johann Wilhelm Werner, der 1754 starb. Um 1800 lebten auf dem Gut und in der Kolonie 72 Menschen. 1866 kam die Görlitzer Bahn. Anfang der 1880er Jahre entstanden in der Nähe der Königsheide ein Badehaus und weitere Kureinrichtungen, und als Luftkurort „Bad Johannisthal“ zog der Ort zahlungskräftige Sommergäste aus Berlin an. Am 1. Mai 1901 ging das Wasserwerk in Betrieb.
Am 26. September 1909 wurde im Südosten des Ortes der erste deutsche Motorflugplatz eröffnet, weltweit war es der zweite nach Bétheny bei Reims. Zu den Gründern gehörte der Bauunternehmer Arthur Müller. Er rief 1909 die Flug- und Sportplatz GmbH ins Leben und gründete die Luftverkehrsgesellschaft LVG. Zum Deutschen Rundflug am 11. Juni 1911 kamen nach Schätzungen bis zu 600.000 Menschen nach Johannisthal. Mitte 1914 gab es hier neun größere Flugzeugfabriken und 57 Konstruktionswerkstätten und Fliegerschulen. Am 17. Oktober 1913 geriet über Johannisthal das Marineluftschiff L 2 in Brand und stürzte ab, 28 Menschen starben. Arthur Müller war als Aron Cohn geboren worden. Nach 1933 wurden seine Firmen enteignet, er starb 1935 in Berlin.
Melli Beese wollte eigentlich Bildhauerin werden und lernte in Johannisthal fliegen. Im September 1911, an ihrem 25. Geburtstag, bekam sie als erste Frau in Deutschland den Flugschein, er hatte die Nummer 115. 1912 gründete sie eine eigene Flugschule. Ihr Motto war „Fliegen ist notwendig. Leben nicht.“ Sie starb 1925 in Berlin.
Nach dem Ersten Weltkrieg musste Deutschland nach dem Versailler Vertrag abrüsten. Walther Huth, dem die Albatros-Flugzeugwerke gehörten, ließ deshalb eine Doppelhalle seiner Werke zu Filmateliers umbauen und gründete am 20. Januar 1920 die Johannisthaler Filmanstalten, kurz Jofa. Die Jofa vermietete ihre Hallen an andere Firmen. Asta Nielsen drehte hier ihren „Hamlet“, F. W. Murnau die Innenaufnahmen zu „Nosferatu“. Bis 1929 entstanden in den Hallen am Flugplatz rund 400 Stummfilme. Ab 1946 drehte hier die DEFA, später das Fernsehen der DDR. Zu DDR-Zeiten entstanden in Johannisthal außerdem rund 7.000 deutsche Fassungen ausländischer Filme. Eine der beiden Hallen hatten Bomben zerstört, die andere ließ der neue Eigentümer Leo Kirch 1995 abreißen.
Nach 1945 lag Johannisthal in Ost-Berlin. In der Königsheide entstand 1953 das Hauptkinderheim Ost-Berlins. Im Süden lag der Ortsteil nah an der Mauer.
Was Johannisthal ausmacht
Johannisthal ist locker bebaut und wirkt kleinstädtisch. Im Nordosten stehen Altbauten und Arbeitersiedlungen, meist aus den 1920er Jahren, zum Beispiel die Eisenbahnsiedlung an der Friedrich-List-Straße. Am Alten Fenn und am Breiten Weg baute Bruno Ahrends von 1919 bis 1925 die Kolonialbeamtensiedlung, die unter Denkmalschutz steht. Um die Fielitzstraße liegt das Komponistenviertel, im Süden die Schliemannsiedlung mit ihren Eigenheimen. In der Engelhardstraße steht der erste Versuchsbau in Plattenbauweise, den die Deutsche Bauakademie 1954 errichten ließ.
Im Nordwesten liegt der Wald der Königsheide, im Südosten das frühere Flugfeld. Aus ihm ist ein Natur- und Landschaftspark geworden, an seinen Rändern wird gebaut. Gleich hinter der Grenze im Osten beginnt der Wissenschaftsstandort Adlershof, der aus derselben Geschichte gewachsen ist: Neben dem Flugplatz entstand 1912 die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt.
Orte, die sich lohnen
Kinderheim in der Königsheide
Meine Runde beginnt am S-Bahnhof Schöneweide und führt über den Sterndamm in die Südostallee. Das Kinderheim dort war das Hauptkinderheim Ost-Berlins. Am 2. Dezember 1953 übergab es der Ost-Berliner Oberbürgermeister Friedrich Ebert, es sollte die Heimerziehung in der ganzen DDR prägen. Gebaut wurde es in nur 18 Monaten. Auf rund zwölf Hektar stehen 13 Gebäude, darunter eine Säuglingsstation, ein Ambulatorium, vier große Wohnhäuser und eine Schule, die an ein Theater erinnert. Vor ihrem Portal stehen Figuren. An den Häusern sind Kratzmalereien mit Kindern in allen Lebenslagen, im früheren Speisesaal Glasfenster von Walter Womacka. Anfangs lebten hier bis zu 600 Kinder, vom Säugling bis zum Jugendlichen. Ab 1968 trug das Heim den Namen des Pädagogen Anton Makarenko. Bei einer Führung sagte eine frühere Bewohnerin: „Makarenko stand nur drauf.“


1998 wurde das Heim geschlossen. Die denkmalgeschützten Häuser sind seit 2016 ein Wohnpark. Im Eingangsbereich gibt es seit 2018 das IBZ Königsheide, eine Dokumentationsstätte zur Heimerziehung und Anlaufstelle für frühere Heimkinder.
Königsheide
Am Ende der Südostallee geht es in den Wald. Die Königsheide ist der Wald im Nordwesten von Johannisthal, sie dient vor allem der Naherholung. In der Nähe, am Königsheideweg, liegt das Wasserwerk Johannisthal mit seinen Brunnengalerien Alte und Neue Königsheide. 1991 wurde eine erhebliche Verunreinigung mit chlorierten Kohlenwasserstoffen festgestellt, 2001 wurde die Trinkwassergewinnung vorübergehend eingestellt.

Kirche am Heubergerweg
Durch die Siedlung Am Alten Fenn und über den Sterndamm kommt die Runde nach Alt-Johannisthal. Am Heubergerweg steht die evangelische Kirche, sie hat keinen Turm. Der schlichte Saal war früher Ballsaal, Kino und Offizierskasino. In den 1880er Jahren nutzte das Kurbad hier das Wasser einer Heilquelle, es gab einen Ballsaal mit Holzveranden, ein Badehaus und einen Kurgarten mit Musikpavillon. Als die Quelle versiegt war, wurde daraus eine Ausflugsgaststätte mit großem Biergarten. Im Ersten Weltkrieg war der „Kaiser-Wilhelm-Garten“ Kasino für die Marineflieger, 1919 schloss er. Ein Jahr lang war der Saal ein Kino, dann kaufte ihn die Kirchengemeinde. Eingeweiht wurde die Kirche am 3. Juli 1921. Die Glocken hängen seit 1930 in einem Stahlgestell im Kirchgarten.
Am Sterndamm
An der Ecke Heubergerweg steht seit 1949 ein Gedenkstein für die Opfer des Faschismus aus Granit mit Bronze.
Aus der Zeit von Bad Johannisthal sind am Sterndamm einige Häuser geblieben. Die Villa Bella Vista in der Nummer 88 baute R. Barkow 1880 bis 1882. In der Nummer 82 steht die frühere Warmbadeanstalt mit Wohnhaus von um 1890. Beide gehören zu einem denkmalgeschützten Ensemble um einen kleinen Platz aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts.
Rathaus und Museum Treptow
Ein paar Häuser weiter, am Sterndamm 102, steht das Rathaus Johannisthal. Gebaut hat es Georg Roensch 1905/06. Seit 1991 ist darin das Museum Treptow. Gegründet wurde es 1989 zusammen mit dem Museum Neukölln, als deutsch-deutsches Kulturprojekt. Die Dauerausstellung „Aus 250 Jahren Treptower Geschichte“ hat einen Teil zur Luftfahrt und zu Melli Beese und einen Raum zur Mauer in Treptow. Die Ausstellung „zurückgeschaut“ befasst sich mit der Kolonialausstellung von 1896 im Treptower Park in Alt-Treptow. Seit November 2025 gibt es außerdem einen Teil zur Film- und Fernsehgeschichte von Johannisthal und Adlershof.
Am Rathaus stehen die „Drei Stelen“ von Rüdiger Roehl aus dem Jahr 1995, an der Nummer 103 seit 1993 das Windspiel „Drei Nadeln“ von Achim Kühn.
Am Segelfliegerdamm
Über die Winckelmannstraße geht es zum Segelfliegerdamm. Hier baute die LVG ab 1912 ihre Flugzeugfabrik. Die Anlage steht auf der Denkmalliste und ist laut Senat der einzige in seiner Gesamtheit erhaltene Produktionskomplex aus der Zeit vor 1918. Die Halle 4 von 1914 ist ein Fachwerkbau, zuerst waren darin Tischlerei und Schlosserei. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog der VEB Kühlautomat auf das Gelände, nach 1990 lag es jahrzehntelang brach. Seit Januar 2023 wird das Gelände abgeräumt, auf rund 21 Hektar entsteht ein Wohnviertel mit etwa 1.800 Wohnungen. Die Denkmalbehörden stimmten dem Abriss der Halle 4 zu, später begannen nach Angaben des Bauträgers die Vorbereitungen dafür. Ob Reste stehen bleiben, hing zuletzt vom Landesdenkmalamt ab.
Ein paar Schritte weiter, in der Straße am Flugplatz 6 A, hat die Jofa 1920 angefangen. Daran erinnert auch die Walther-Huth-Straße.
Landschaftspark Johannisthal
Von der Straße am Flugplatz geht es auf das frühere Flugfeld, auf dem ein Park entstanden ist. Sein Kern, 26 Hektar, ist seit dem 4. September 2002 Naturschutzgebiet. Der Boden besteht dort aus 30 bis 70 Zentimetern Bauschutt, Ziegeln und Asphalt über Sand. Regen versickert schnell, und so sind Sand- und Halbtrockenrasen entstanden. Zur Pflege weiden hier Rauwollige Pommersche Landschafe. Um das Schutzgebiet führt ein erhöhter Rundweg von etwa zwei Kilometern mit drei Holzstegen und Infotafeln.

Die Straßen am Rand heißen nach Leuten vom Flugplatz: Melli-Beese-Straße, Arthur-Müller-Straße, Fokkerstraße, Gerhard-Sedlmayr-Straße. Anthony Fokker hatte ab 1912 eine eigene Flugzeugfirma in Johannisthal. Die Versuchsbauten der Luftfahrtforschung mit Trudelturm und Großem Windkanal stehen nicht weit entfernt im Aerodynamischen Park auf dem Campus Adlershof.
Am Groß-Berliner Damm
Über die Gerhard-Sedlmayr-Straße verlässt die Runde den Park und führt am Groß-Berliner Damm an den Gleisen entlang nach Norden. Dort steht der „Fliegende Amboß“, ein Windspiel aus Metall und Beton von Jan Skuin aus dem Jahr 1985. An der Landfliegerstraße liegt das Gelände des Bahnbetriebswerks Schöneweide, das schon zu Niederschöneweide gehört. Der S-Bahnhof Johannisthal hieß bis Dezember 2020 Betriebsbahnhof Schöneweide.

Meine Runde
Meine Runde ist 9,5 Kilometer lang, ich war knapp zwei Stunden unterwegs. Start und Ziel ist der S-Bahnhof Schöneweide am Sterndamm. Auch der S-Bahnhof Johannisthal liegt an der Runde.
Am Wegesrand
Zehn Minuten und zehn Pfennig. Eigentlich hätte der Flugplatz auch nach Adlershof heißen können. Die Bahnfahrt von Berlin nach Johannisthal war aber zehn Minuten kürzer und zehn Pfennig billiger. Deshalb blieb es aus Werbegründen bei Johannisthal.
Fünfzig Zentimeter. Bei der Flugwoche zur Eröffnung 1909 flogen belgische und französische Piloten ohne Probleme. Der einzige deutsche Teilnehmer, Hermann Dorner, kam mit seinem Eindecker nach einem Augenzeugenbericht auf 50 Zentimeter Höhe, dann stürzte die Maschine ab.
Mütze und Brille weg. Am 29. September 1911 stürzte Paul Engelhard mit einem Wright-Flyer ab und starb, sein Schüler Gerhard Sedlmayr wurde leicht verletzt. Bei Abstürzen stahlen Schaulustige den Fliegern ihre Sachen. Sedlmayr schrieb danach: „So sah ich meine Mütze und Brille nicht wieder, Kapitän Engelhard fehlte seine wertvolle Krawattennadel.“ Nach ihm heißt seit 2002 die Gerhard-Sedlmayr-Straße am Flugfeld.
Mit Passierschein nach Hause. Die Schliemannsiedlung am Eisenhutweg lag so nah an der Mauer, dass sie zu DDR-Zeiten nur mit Passierschein zu erreichen war.
Der erste Dixi. Am 22. März 1929 rollte am Rand des Flugfelds das erste Dixi-Modell aus dem Werk von Ambi-Budd: 750 Kubikzentimeter, 80 Kilometer pro Stunde, 2.500 Reichsmark. Die Technik für die Karosserie aus Stahl hatte Arthur Müller aus den USA mitgebracht.
Gut zu wissen
Mit der Bahn: Der S-Bahnhof Johannisthal (S45, S46, S8, S85, S9) liegt an der Runde, der Bahnhof Schöneweide ist nicht weit.
Museum Treptow: Sterndamm 102, montags bis donnerstags 10 bis 18 Uhr, freitags 9 bis 14 Uhr, am Wochenende 14 bis 18 Uhr, Eintritt frei.
Mehr auf dieser Seite: Die dritte Etappe des Berliner Mauerwegs führt an der früheren Grenze entlang auch durch Johannisthal, alle Etappen stehen auf der Seite zum Berliner Mauerweg. Durch die Königsheide geht auch meine Runde durch Baumschulenweg.
Von Johannisthal aus weiter
4 Ortsteile grenzen an, mit Richtung und Entfernung von Mitte zu Mitte.