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Niederschöneweide
Ortsteil im Bezirk Treptow-Köpenick · Runde 33 von 74
Niederschöneweide hat keinen alten Dorfkern, seine Mitte ist der Bahnhof Schöneweide. Rundherum entstanden ab den 1880er Jahren eine Brauerei, Fabriken und Mietshäuser, zwischen Spree und Bahn. Am 26. November 2021 bin ich hier 12,9 Kilometer gelaufen, von der Spree zum früheren Zwangsarbeiterlager, ein Stück durch Adlershof und Johannisthal und am Bahnhof vorbei zurück zur alten Brauerei.
Kurz gesagt
- Niederschöneweide wird 1598 als „Schöne Weyde“ erwähnt.
- Seit August 1878 war der Ort eine eigene Landgemeinde. Bahnhof, Brauerei und Fabriken machten ihn zum Industrie- und Verkehrsort.
- In der Britzer Straße steht das einzige fast vollständig erhaltene Zwangsarbeiterlager Berlins. Seit 2006 ist dort ein Dokumentationszentrum.
- Heute wohnen in Niederschöneweide rund 15.500 Menschen.
Geschichte
Auf alten Karten heißt eine kleine Ansiedlung am linken Spreeufer „Theer Ofer“, später stand dort eine Teerschwele. Als in Köpenick die Textilherstellung wuchs, entstanden stattdessen Bleichereien. Eine kurfürstliche Reisebeschreibung nennt die Gegend 1598 zum ersten Mal „Schöne Weyde“, um 1800 lebten hier 42 Menschen. Im 19. Jahrhundert lagen am Fluss Ausflugslokale und Gartenwirtschaften.
Im August 1878 wurde Niederschöneweide eine selbstständige Landgemeinde, und die Industrie kam. 1882 wurde die Brauerei Borussia gegründet, 1885 fuhr eine Kettenfähre über die Spree, 1898 kam der Kaisersteg nach Oberschöneweide dazu. Der Bahnhof von 1886 ist das älteste erhaltene Bauwerk des Ortsteils. 1904 eröffnete daneben ein Verschiebebahnhof mit über vierzig Gleisen, ab 1926 baute die Reichsbahn am Adlergestell ein großes Werk für die Wagen der S-Bahn.
1943 ließ die Generalbauinspektion zwischen Britzer Straße und Köllnischer Straße ein Lager für 2.160 Zwangsarbeiter*innen bauen. Es ist das einzige in Berlin, das fast vollständig erhalten ist. In der DDR hieß die Brauerei zuerst nach dem KPD-Funktionär Ernst Schneller, der 1944 in Sachsenhausen ermordet wurde, ab 1959 dann Bärenquell.
Seit 1994 ist Niederschöneweide Sanierungsgebiet. Das alte Amtshaus und die Straße davor tragen den Namen von Michael Brückner, dem ersten nach der Wende frei gewählten Bezirksbürgermeister. Die Michael-Brückner-Straße hieß früher Grünauer Straße.
Was Niederschöneweide ausmacht
Niederschöneweide ist dicht bebaut und von Bahn und Gewerbe geprägt. An der Spree standen eine Textilfabrik und die Brauerei, an der Bahn das Betriebswerk und das S-Bahn-Werk. Dessen Halle mit zehn Schiffen gilt als der größte zusammenhängende Hallenbau Berlins. Hier wurde zum ersten Mal eine ganze Wartungswerkstatt nach dem Fließprinzip eingerichtet.

Dazwischen liegen Mietshäuser aus der Zeit um 1900, einige mit Jugendstilfassaden, und die Spreesiedlung aus den späten 1920er Jahren. Grün gibt es vor allem in den Kleingärten im Osten und im Hasselwerderpark an der Spree. Gegenüber am anderen Ufer liegt Oberschöneweide mit den großen Werken der AEG.
Orte, die sich lohnen
Kaisersteg und Hasselwerderpark
Meine Runde beginnt am Kaisersteg, über den du zu Fuß aus Oberschöneweide kommst. Die erste Brücke war von 1898, vorher fuhr hier eine Kettenfähre. In den letzten Kriegstagen sprengte die SS den Steg, 2007 wurde er neu gebaut.

Gleich daneben liegt der Hasselwerderpark. Darin stehen der „Gärtnerbursche“ von Karl-Heinz Schamal aus dem Jahr 1966 und eine Büste „Fischerin“ von Alfons Losowski. Das Haus Hasselwerderstraße 22 war früher eine Fabrikantenvilla. Die Nummer 22a ist ein Bau von 1967 mit Mosaiken, später war darin eine Kita. Inzwischen haben dort unter anderem ein Jazzverein, eine Mosaikwerkstatt und ein Theaterverein Räume.
Spreesiedlung
Vom Park sind es nur ein paar Schritte zur Hainstraße. Dort bauten die Architekten Mebes und Emmerich von 1928 bis 1930 die Spreesiedlung. Die vier- und fünfgeschossigen Zeilen haben weiße Doppelloggien. Die kleinen Wohnungen hatten Küche, Bad und Loggia. Dazu gehörten ein eigenes Heizhaus, eine Wäscherei und ein Laden. 1998/99 wurde die Siedlung restauriert.
An der Fennstraße
Gleich um die Ecke liegt die Fennstraße. Das Postamt in der Fennstraße 9 und 11 ist von 1925 bis 1927. Am Haupteingang saß ein Adler, er ist nicht erhalten. 2001 wurde die Post geschlossen. Ein paar Häuser weiter baute die AOK 1929/30 ihr Haus mit einer Klinkerfassade aus sägezahnartigen Bändern. Die Kassenhalle hat eine verglaste Lichtdecke, und die AOK ist heute wieder darin.
Michael-Brückner-Straße
Ein paar Schritte weiter beginnt die Michael-Brückner-Straße. Das alte Amtshaus steht auf einem dreieckigen Grundstück an der Gabelung der Straßen. Robert Buntzel baute es 1888 für die Gemeinde, die Post und die Polizei. Heute ist darin ein Bürgeramt.
Ein Stück weiter, in der Nummer 9, steht die Alte Feuerwache von 1907/08. Erst war hier die Freiwillige Feuerwehr, ab 1920 die Berufsfeuerwehr, später auch die Verkehrspolizei. Von 2009 bis 2015 wurde das Haus saniert, seitdem ist darin die Mittelpunktbibliothek der Stadtbibliothek.
Britzer Straße und Friedenskirche
Von der Michael-Brückner-Straße biegt die Runde in die Britzer Straße. Dort stehen zwei Mietshäuser von Carl Siebert. Am Haus Nummer 16 von 1907/08 sitzen Reliefs mit Märchen- und Sagenmotiven, im Hausflur Reliefs mit tanzenden Putten. Bei der Restaurierung bis 1997 bekam es ein fünftes Geschoss.
An der Britzer Straße steht auch die Friedenskirche aus dunklem Klinker, gebaut 1928 bis 1930 nach Entwürfen von Fritz Schupp und Martin Kremmer. Ihr Westturm erinnert an die Fördertürme von Bergwerken. 1944 brannte die Kirche aus, 1951/52 wurde sie wieder aufgebaut. Den Altaraufsatz aus Kalkstein hat August Rhades 1930 gemacht.

Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit
Nur ein paar hundert Meter weiter liegt das frühere Lager. Zwischen der Britzer Straße und der Köllnischen Straße stehen zwölf eingeschossige Baracken, ein H-förmiger Bau in der Mitte teilt das Lager in zwei Hälften. Die Baracken wurden 1943 für Zwangsarbeiter*innen gebaut, nach Plänen von Hans Freese, und sind aus Schlackebeton. Einige haben Keller, Teile davon dienten als Luftschutzraum. Ab 1944 waren hier auch italienische Bauarbeiter und Frauen aus einem Außenlager des KZ Ravensbrück untergebracht.
Nach dem Krieg nutzten zuerst die Rote Armee und dann das Impfinstitut der DDR die Baracken, später kamen Werkstätten, eine Sauna, ein Autohaus und eine Kegelgaststätte hinein. Erst 1993 wurde das Lager wiederentdeckt, seit 1995 steht es unter Denkmalschutz. 2006 eröffnete die Stiftung Topographie des Terrors hier das Dokumentationszentrum. Im Keller der Baracke 13 sind Inschriften mit Namen und Daten aus den Jahren 1944 und 1945 erhalten. Seit meiner Runde wurden auch die Baracke 3 und der Rest der Baracke 4 saniert, damit sind alle denkmalgeschützten Gebäude des Lagers gesichert.
Textilfabrik am Bruno-Bürgel-Weg
Über die Schnellerstraße geht es an die Spree und auf dem Bruno-Bürgel-Weg am Ufer entlang nach Osten. 1896/97 verlegte der Färbereibesitzer Otto Schneider seinen Betrieb von Charlottenburg an die Oberspree. Von der Fabrik stehen noch Kopfbau, Shedhalle, Kesselhaus und ein Wasserturm im Stil eines mittelalterlichen Stadtturms. Ab 1905 war hier eine Metallfirma, seit 1993 ist im vorderen Teil eine Waldorfschule.
Stele „Leben“ in der Hartriegelstraße
Vom Ufer führt die Runde durch Wohnstraßen und Kleingärten zur Hartriegelstraße. In einer Grünanlage an der Hartriegelstraße steht ein zweieinhalb Meter hoher Pfeiler mit vier Bronzereliefs. Heinz Worner hat ihn 1973/74 gemacht, aufgestellt wurde er an einer Oberschule in der Hartriegelstraße. Die Reliefs erzählen Szenen aus der Geschichte der Sowjetunion: vorn Steppenreiter unter einer strahlenden Sonne, links junge Bewaffnete vor einer Figur, die Lenin ähnelt, rechts ein Kosmonaut mit Satellit und Mondfahrzeug. Auf der Rückseite liegt Moskau mit Kreml und Basiliuskathedrale unter der Sonne. Die Zeilen unter den Reliefs stammen aus dem „Weltjugendlied“, das 1947 beim Weltjugendfestival in Prag gesungen wurde.


Bahnbetriebswerk Schöneweide
Danach geht es ein Stück durch Adlershof, über das Adlergestell am S-Bahnhof Adlershof vorbei und durch die neuen Straßen am früheren Flugfeld in Johannisthal. An der Landfliegerstraße bin ich am Bahnbetriebswerk entlanggelaufen, in dem die Lokomotiven gewartet wurden. Es ist weitgehend unverändert erhalten, an den Bauten lassen sich die Arbeitsabläufe noch ablesen. In der Mitte liegt ein Ringlokschuppen aus gelbem Backstein mit zwanzig Toren, die acht südlichen kamen 1923 dazu. Davor dreht sich eine 23 Meter lange Drehscheibe. Der Wasserturm mit dem überstehenden Kegeldach ist ein Wahrzeichen am Adlergestell.
Bahnhof Schöneweide
Über den Sterndamm und die Michael-Brückner-Straße kommt die Runde zum Bahnhof Schöneweide. Er ist von 1886 und wurde bis 1906 umgebaut. Weil Schöneweide keinen alten Ortskern hatte, wurde er zum Zentrum des Ortes, nach 1897 war er der verkehrsreichste der ganzen Strecke. Beim Umbau 1972/73 verlor er die Aufsätze auf Giebeln und Türmchen und die alte Ausstattung der Schalterhalle, der Güterbahnhof wurde 2001 abgerissen. Auf dem Vorplatz an der Schnellerstraße steht ein Stier aus Bronze von Heinrich Drake aus dem Jahr 1938.
Bärenquell-Brauerei
Zum Schluss geht es auf der Schnellerstraße zurück Richtung Spree. Die Brauerei Borussia, später Bärenquell, liegt an der Schnellerstraße 137. Das älteste Haus ist das Beamtenwohnhaus von 1882, in dem Braumeister und Angestellte wohnten. Das Sudhaus von 1906 ist eine Baugruppe mit vielen Türmen, wie eine Burg. Schon damals hatte die Brauerei ein eigenes Kraftwerk. Nach 1920 kam oben ein viergeschossiges Lagergebäude dazu, das später als Kühlturm noch einmal erhöht wurde. Ein Vorbild war der Turm der NAG-Fabrik in Oberschöneweide. 1969 kam ein kubisches Sudhaus mit verglaster Front dazu. Gebraut wurde hier bis Mitte der 1990er Jahre, danach standen die Gebäude leer.

Vom Biergarten an der Spree sind nur Reste geblieben, an der Ostmauer Teile einer Felsen- und Grottenarchitektur. Seit 2020 gibt es auf dem Gelände wieder Veranstaltungen. An einer Wand der Brauerei ist das Wandbild „Waiting for the Miracle“ von Alaniz.
Mehr über die Brauerei steht in meinem Beitrag über die Bärenquell-Brauerei.
Meine Runde
Meine Runde ist 12,9 Kilometer lang, ich war gut zweieinhalb Stunden unterwegs. Sie beginnt am Kaisersteg und endet ein paar hundert Meter weiter an der Brückenstraße. Unterwegs führt sie ein Stück durch Adlershof und Johannisthal. Die S-Bahnhöfe Schöneweide, Oberspree und Adlershof liegen an der Runde.
Am Wegesrand
Teerofen statt Weide. Der Name klingt nach Wiesen am Fluss. Auf alten Karten heißt eine kleine Ansiedlung am Ufer aber „Theer Ofer“, später stand dort eine Teerschwele. Die Bleichereien kamen erst danach.
Eine Baracke für ein Autohaus. Das Lager liegt mitten zwischen Wohnhäusern. 1995 baute ein Autohaus eine Schaufensterfront davor und riss in der Folge eine Baracke ab. In einer anderen war ein Kindergarten. Erst 2001 bekam das Gelände eine Gedenktafel.
Die Villa der Lehmanns. Richard Lehmann leitete eine Wollfabrik und besaß das Theaterkino „Elysium“. Er und seine Frau Elsbeth verloren ihre Villa in Niederschöneweide durch Enteignung und zogen 1935 nach Eichkamp. Am 2. Februar 1943 wurden beide nach Theresienstadt deportiert. Richard Lehmann starb dort am 4. Juni 1943, Elsbeth Lehmann wurde in Auschwitz ermordet.
Der Abriss, der nicht kam. 1993 wollte die Brauerei Henninger einige der alten Gebäude abreißen. Das Bezirksamt Treptow lehnte das mit Hinweis auf den Denkmalschutz ab. Bis 2013 gab es Pläne für einen Baumarkt, für den mehrere Gebäude aus dem Denkmalschutz entlassen und abgerissen werden sollten. Nach einem Wechsel des Eigentümers wurden die Pläne fallen gelassen.
Gut zu wissen
Mit der Bahn: Der Bahnhof Schöneweide (S45, S46, S47, S8, S85, S9, RE und RB) und der S-Bahnhof Oberspree (S47) liegen an der Runde, der S-Bahnhof Johannisthal ist nicht weit.
Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit: Britzer Straße 5, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Eintritt frei.
Mehr auf dieser Seite: Zum Wandbild von Alaniz an der Brauerei gibt es einen eigenen Beitrag. Über den Kaisersteg kommst du nach Oberschöneweide, meine Runde dort führt durch die Industriebauten an der Wilhelminenhofstraße. Der Friedhof an der Schönefelder Chaussee in Altglienicke war zuerst ein Friedhof der Gemeinde Niederschöneweide. Durch Niederschöneweide führt auch die Tour von Köpenick nach Fennpfuhl aus meiner Serie Jüdisches Berlin.
Von Niederschöneweide aus weiter
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