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Ober­schöne­weide

Ortsteil im Bezirk Treptow-Köpenick · Runde 5 von 74

Über mehr als zwei Kilometer reihen sich in Oberschöneweide an der Spree die gelben Ziegelbauten der AEG. Dahinter liegen Siedlungen aus den 1920er Jahren und die Wuhlheide. Am 17. Juli 2021 bin ich 15 Kilometer durch den Ortsteil gelaufen, am Funkhaus an der Nalepastraße vorbei, die ganze Wilhelminenhofstraße entlang und durch die Wuhlheide.

Länge der Runde15,2 km
Gehzeit2:51 h
Gelaufen am17. Juli 2021
Einwohner*innen25.794
Fläche8,20 km²
Bahnhof in der NäheS Wuhlheide

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Kurz gesagt

  • Ab 1895 baute die AEG an der Oberspree Kraftwerk, Kabelwerk und weitere Fabriken. Aus einem Gut mit Ausflugslokal wurde in wenigen Jahren eine Industriegemeinde.
  • Peter Behrens baute hier von 1915 bis 1917 das Werk der Nationalen Automobil-Gesellschaft, mit einem 60 Meter hohen Turm.
  • In der DDR waren Kabelwerk, Transformatorenwerk und Werk für Fernsehelektronik große Betriebe. Nach 1990 schlossen sie nach und nach, heute studieren auf dem Gelände des Kabelwerks Tausende an der HTW.
  • Heute wohnen in Oberschöneweide knapp 26.000 Menschen.

Geschichte

Das älteste bekannte Haus war ein Krug an der Spree, erwähnt 1674 und nach dem Wirt Quappe „Quappenkrug“ genannt. Hier rasteten wohl Schiffer zwischen Köpenick und Berlin. 1814 kaufte der Oberfinanzrat Reinbeck das Forst- und Landgut, baute es wie ein kleines Schloss aus und nannte es nach dem Vornamen seiner Frau Wilhelminenhof. Um 1850 lebten im Gutsbezirk etwa 100 Menschen, 1894 wurde der Wilhelminenhof ein Ausflugslokal.

1889 begann die Grundrentengesellschaft Wilhelminenhof, die Wiesen an der Spree zu erschließen. Fluss und Bahn machten den Ort für Fabriken interessant, und 1895 entschied sich Emil Rathenau, der Gründer der AEG, für diesen Standort. 1897 gingen das Kraftwerk und das Kabelwerk Oberspree in Betrieb. In diesem Jahr hatte der Ort 626 Einwohner*innen, am 16. März 1898 wurde er eine selbstständige Landgemeinde. In wenigen Jahren verzehnfachte sich die Bevölkerung. Neben dem Kabelwerk entstanden eine Akkumulatorenfabrik, eine Werkzeugmaschinenfabrik und ab 1903 eine Autofabrik, für die Peter Behrens später einen großen Neubau entwarf.

Im Ersten Weltkrieg koordinierte Walther Rathenau, der Sohn des AEG-Gründers, die Rüstungsproduktion, und die Werke wuchsen weiter. Nach dem Krieg entstanden Siedlungen für die Arbeiter*innen und Angestellten. In Groß-Berlin gehörte Oberschöneweide zuerst zum Bezirk Treptow, 1938 wurde es Köpenick zugeschlagen.

In der DDR hießen die großen Betriebe Kabelwerk Oberspree, Transformatorenwerk Oberspree und Werk für Fernsehelektronik, der größte Hersteller von Bildröhren im Land. Ende der 1970er Jahre waren viele Anlagen veraltet, es fehlte an Investitionen. Nach 1990 hielten die Werke nicht mehr mit, das Transformatorenwerk schloss 1995. Samsung baute im Behrens-Bau noch bis 2005 Bildröhren. Seit 2006 nutzt die Hochschule für Technik und Wirtschaft einen Teil des Kabelwerks.

Was Oberschöneweide ausmacht

An der Spree liegt ein Band aus Fabriken, das sich über mehr als zwei Kilometer hinzieht, überwiegend aus gelbem Ziegel. Die Bauten reichen vom Historismus der 1890er Jahre bis zur Sachlichkeit der späten 1920er Jahre, viele stehen unter Denkmalschutz. Die Werke an der Wilhelminenhofstraße zogen Tausende Arbeiter*innen an. Heute arbeiten in den Hallen Künstler*innen und Studierende, an der HTW studieren rund 6.000 Menschen.

Nördlich der Wilhelminenhofstraße stehen Mietshäuser aus der Zeit um 1900 und Siedlungen der 1920er Jahre, viele für die Beschäftigten der AEG gebaut. Dahinter beginnt die Wuhlheide mit Wald, Park und dem FEZ. Ganz im Westen, an der Nalepastraße, liegt das frühere Funkhaus der DDR.

Orte, die sich lohnen

Rummelsburger Landstraße und Funkhaus

Meine Runde beginnt an der Straßenbahnhaltestelle Hegemeisterweg am Rand der Wuhlheide. Von dort geht es zuerst durch die Waldsiedlung, die schon zu Karlshorst gehört, zur Rummelsburger Landstraße. An ihr steht das alte Kraftwerk Rummelsburg. Oskar Springmann baute es 1906 und 1907 für die Berliner Elektricitäts-Werke, Hans Heinrich Müller erweiterte es in den 1920er Jahren. 1966 wurde es stillgelegt. 2001 wurde ein Teil abgerissen, weil er einzustürzen drohte.

Das Haus des Rundfunks an der Masurenallee lag in West-Berlin. Die DDR baute sich deshalb ein eigenes Funkhaus an der Spree, auf dem Gelände einer früheren Furnierfabrik. Franz Ehrlich, von dem auch das Fernsehzentrum in Adlershof stammt, und der Rundfunktechniker Gerhard Probst planten die Anlage, gebaut wurde sie von 1951 bis 1956. In Block A, einem umgebauten Fabrikgebäude, begann schon 1951 der Sendebetrieb. Im Block B mit seinem bogenförmigen Grundriss liegen der große Aufnahmesaal und die Hörspielstudios. Sie sind als Haus im Haus gebaut, und die Hörspielstudios haben noch weitgehend ihre Einrichtung aus der DDR. 1995 wurde hier das letzte Hörspiel aufgenommen. Heute arbeiten in den Studios Musiker*innen und Produzent*innen, und es gibt Konzerte.

Siedlungen an der Wuhlheide

Vom Funkhaus führt die Runde durch Kleingärten an der Spree nach Süden. Zwischen Zeppelinstraße und An der Wuhlheide liegt die Siedlung Oberschöneweide. Geplant waren ab 1918 viergeschossige Häuser nach Peter Behrens. Wegen der Not nach dem Krieg wurde daraus eine Siedlung mit kleinen, zweigeschossigen Häusern. Die Mitte des Blocks blieb frei, dort bekam jeder Haushalt einen eigenen Garten. Für den letzten Teil gab es 1921 einen Wettbewerb. Gebaut wurde der Entwurf von Hans Spitzner, der nur auf dem dritten Platz gelandet war.

Gleich daneben entstand in den 1920er Jahren die Gebag-Siedlung für Beschäftigte der AEG. Sie war eine der ersten Wohnanlagen, in denen alles elektrisch lief, mit elektrischen Geräten in Küche und Bad. In den Kellern lagen Garagen. An der Ecke Zeppelinstraße und Roedernstraße hat Willy Mühlau 1929 und 1930 eine verputzte Wohnanlage mit dunkelroten Klinkerstreifen und abgerundeten Balkonen gebaut. An der Ecke Fontanestraße steht ein weiblicher Akt von Karl Trumpf aus dem Jahr 1930.

Griechische Allee und St. Antonius

Ein Stück weiter steht in der Zeppelinstraße das frühere Realgymnasium, gebaut 1910 und 1911, heute die Isaac-Newton-Oberschule. In der Eingangshalle ist ein Wandbrunnen aus der Zeit des Jugendstils. An der Griechischen Allee, Ecke Schillerpromenade, steht die Gruppe „Venus und Amor“ von Peter Breuer aus dem Jahr 1925.

Die katholische Kirche St. Antonius von Padua war 1906 bis 1908 das erste Gebäude des neuen Ortszentrums. Wilhelm Fahlbusch hat sie aus Backstein gebaut, nach dem Vorbild gotischer Kirchen wie der Marienkirche in Lübeck. 1977 wurde die Turmspitze abgetragen. In der Kirche steht ein Schrein mit der Krönung Marias aus der Zeit um 1500.

Das Eckhaus Griechische Allee 14 begann 1909 ein Weinhändler. Er ging pleite, und der Bauunternehmer Emil Brandau stellte das rosa verputzte Haus 1911 fertig. In der Goethestraße steht eine Wohnanlage von 1929 und 1930, deren Grundriss eine Parabel bildet, ausgerichtet auf die Kreuzung mit Parseval- und Kilianistraße.

Wilhelminenhofstraße und Rathenau-Hallen

Über die Griechische Allee kommt die Runde zur Wilhelminenhofstraße und folgt ihr nun gut drei Kilometer nach Osten. Die Häuser Nummer 21 bis 23 von 1897 sind die älteste geschlossene Bebauung der Straße. Sie haben nur drei Geschosse, mehr erlaubte die Bauordnung in Vororten damals nicht.

An der Ecke Edisonstraße beginnt das frühere Werk der Deutschen Niles-Werkzeugmaschinen-Fabrik von 1898. Ab 1921 baute die AEG hier Transformatoren, in der DDR war es das Transformatorenwerk „Karl Liebknecht“. Heute heißen die Hallen Rathenau-Hallen. Über den Giebel mit dem AEG-Schriftzug gibt es einen eigenen Beitrag.

Industriesalon Schöneweide

Gleich um die Ecke, in der Reinbeckstraße, hat der Industriesalon seinen Sitz, ein Forum für Industrie, Technik und Kultur. Er bietet Führungen über die alten Werksgelände an und hat ein kleines Museum. Dort stehen Maschinen und Röhren aus dem Werk für Fernsehelektronik, ein Fernseher „Leningrad T2“ und eine CCD-Kamera von 1989.

Kraftwerk und Abspannwerk Oberspree

Zurück auf der Wilhelminenhofstraße kommt die Runde zum Kraftwerk Oberspree. Paul Tropp hat es für die AEG gebaut. Es ging 1897 in Betrieb und gilt als ältestes Drehstrom-Kraftwerk Deutschlands. Mit Drehstrom ließ sich Strom fast ohne Verluste über weite Strecken leiten, ein Kraftwerk musste also nicht mehr mitten in der Stadt stehen. Jahrzehntelang versorgte es den Osten Berlins, 1933 wurde es stillgelegt. Von den sechs Schornsteinen stehen noch drei. An den Pfeilern der Turbinenhalle von 1905 sitzen Reliefs mit Motiven aus der Elektrotechnik, eine Sonne über einer Stromleitung, ein Stern mit Blitzen über einem Zahnrad, ein Generator mit zwei Bogenlampen. Die Hallen stehen leer.

Daneben steht das Abspannwerk Oberspree der Berliner Elektricitäts-Werke. Es wurde ab 1910 gebaut, das Schalthaus von 1933 hat eine nach innen gewölbte Front. 1995 wurde es stillgelegt.

Kabelwerk Oberspree und HTW

Gleich dahinter beginnt das Kabelwerk. Es galt damals als modernste Fabrik Europas. Jede Maschine hatte ihren eigenen Elektromotor, Dampfmaschinen und Treibriemen brauchte es nicht. Im Verwaltungsbau hat Emil Rathenau selbst gearbeitet. Zum Werk gehören Hallen und Fabrikbauten von 1897 bis 1928, ein Akkumulatorenturm von 1915, eine Direktorenvilla und ein Hafenkran aus der Zeit nach 1950. 1996 wurden mehrere Hallen abgerissen.

Auf der anderen Straßenseite, in der Nummer 46, stehen Werkswohnungen von 1905 für Beamte und Ingenieure, mit einem Erker, dem die Turmhaube fehlt. Ein Stück weiter beginnt die Akkumulatorenfabrik, die 1899 gegründet wurde. Ihr früheres Sozialgebäude von 1912 und 1913 war in der DDR das Kulturhaus des Werks. Es stand rund 30 Jahre leer, inzwischen wird es zu einem Hotel mit Büros und Restaurant umgebaut.

Peter-Behrens-Bau

An der Ecke Ostendstraße steht der Peter-Behrens-Bau. Peter Behrens gehörte seit 1907 dem künstlerischen Beirat der AEG an. Für deren Nationale Automobil-Gesellschaft entwarf er ab 1913 ein neues Werk an der Ostendstraße, gebaut wurde es von 1915 bis 1917. Ein fünfgeschossiger Bau umschließt eine große Montagehalle, am Verwaltungsbau steht der 60 Meter hohe Turm. Im Ersten Weltkrieg kamen von hier Lastwagen für das Heer, danach Autos und Busse. 1934 endete der Fahrzeugbau. Danach zogen Telefunken und die Röhrenfabrik der AEG ein, in der DDR das Werk für Fernsehelektronik, ab 1992 Samsung.

Die Eingangshalle reicht über vier Geschosse und hat ein Oberlicht. Inzwischen ist der Bau wegen eines Umbaus geschlossen, das Gelände soll als „Behrens-Ufer“ neu genutzt werden. Ein paar Schritte weiter steht die Villa, die 1913 und 1914 für den Direktor der Akkumulatorenfabrik gebaut wurde. Sie diente aber nie als Wohnhaus des Direktors, im Ersten Weltkrieg war sie ein Lazarett.

Mehr über das Werk steht in meinem Beitrag über den Peter-Behrens-Bau.

Volkspark Wuhlheide und FEZ

Über die Ostendstraße geht es nach Norden in die Wuhlheide. 1911 kaufte der Zweckverband Groß-Berlin den Wald, um dort ein Wasserwerk für Oberschöneweide zu bauen. Er musste sich verpflichten, den Wald zu erhalten und einen Park anzulegen. Bis 1932 entstand ein Volkspark mit Sportwiesen, Spielplätzen und einem Licht- und Luftbad. Im Zweiten Weltkrieg entstanden im Park ein Bunker und ein Zwangsarbeitslager. 1951 wurde für die Weltfestspiele der Jugend ein Teil abgetrennt und nach Plänen von Reinhold Lingner als Pionierpark angelegt. Dabei entstanden die Parkbühne, die Parkeisenbahn, ein Stadion und ein Badesee.

Am 3. Oktober 1979 eröffnete hier der Pionierpalast „Ernst Thälmann“ nach Plänen von Günter Stahn, mit einer Fassade aus Lärchenholz. Heute heißt er FEZ, und seit 2025 steht er unter Denkmalschutz. Vor dem Haus steht der Kugelbrunnen, über den es einen eigenen Beitrag gibt. Das Stadion An der Alten Försterei liegt schon in Köpenick, am Rand der Wuhlheide.

Waldfriedhof Oberschöneweide

Am Rand der Wuhlheide, gut einen Kilometer vor dem Ziel, liegt der Waldfriedhof. Emil Rathenau ließ ihn 1902 im Wald anlegen. Die Kapelle und das Verwaltungshaus baute Max Stutterheim 1903 und 1904. Die Grabanlage der Familie Rathenau hat Alfred Messel entworfen. Hier liegen Emil Rathenau und sein Sohn Walther, der am 24. Juni 1922 als Außenminister ermordet wurde. Über die Grabanlage gibt es einen eigenen Beitrag. Auf dem Friedhof liegt auch ein Gemeinschaftsgrab für Opfer des Faschismus.

Meine Runde

Meine Runde ist 15,2 Kilometer lang, ich war knapp drei Stunden unterwegs. Start und Ziel ist die Straßenbahnhaltestelle Hegemeisterweg am Rand der Wuhlheide. Einen S-Bahnhof hat Oberschöneweide nicht, der S-Bahnhof Wuhlheide liegt in der Nähe.

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Am Wegesrand

Eine Mikrowelle aus der DDR. 1992 war im Turm des Behrens-Baus das Museum des Werks für Fernsehelektronik. Das wichtigste Stück war laut taz „die erste und einzige Mikrowelle »Made in GDR«“, so groß wie ein Kühlschrank. Gebaut wurden um 1965 rund 150 Stück für die Gastronomie, durchgesetzt hat sich das Gerät nicht.

Lastwagen bis unters Dach. Im Behrens-Bau gab es Aufzüge, die schwere Lastwagen bis ins Dachgeschoss heben konnten.

Kulisse für Babylon Berlin. Im Lichthof des Behrens-Baus wurden Szenen der Serie „Babylon Berlin“ gedreht. Auch die Schießerei auf dem Dach und das Sanatorium Dr. Schmidt entstanden hier.

Rathausstraße ohne Rathaus. Die Griechische Allee hieß bis 1937 Rathausstraße. Für ein Rathaus hat das Geld in der Gemeinde laut Tagesspiegel nie gereicht.

Gut zu wissen

Mit der Bahn: Oberschöneweide hat keinen S-Bahnhof. Der S-Bahnhof Wuhlheide (S3) liegt nördlich der Wuhlheide in der Nähe der Runde. Durch die Wilhelminenhofstraße fahren die Straßenbahnen 27, 60 und 67.

Industriesalon: Reinbeckstraße 10, meist donnerstags bis sonntags am Nachmittag geöffnet. Die Zeiten wechseln mit der Jahreszeit, schau vorher nach, wann geöffnet ist.

Mehr auf dieser Seite: Die erste Etappe des Paul-Gerhardt-Wegs kommt mit der Fähre aus Baumschulenweg nach Oberschöneweide und endet am S-Bahnhof Wuhlheide, die zweite Etappe beginnt dort und führt am FEZ vorbei. Der Teil von Köpenick nach Fennpfuhl meiner Serie Jüdisches Berlin führt an den Rathenau-Hallen und am Waldfriedhof vorbei. Die Waldsiedlung von Peter Behrens, an der meine Runde vorbeiführt, gehört zu Karlshorst. Über den Kaisersteg kommst du ans andere Spreeufer nach Niederschöneweide.

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