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Alt­glienicke

Ortsteil im Bezirk Treptow-Köpenick · Runde 8 von 74

Unter der Schönefelder Chaussee endete in den 1950er Jahren ein Tunnel, über den amerikanische und britische Geheimdienste sowjetische Telefonleitungen abhörten. Altglienicke liegt ganz im Süden von Treptow-Köpenick, zwischen Teltowkanal und der Grenze zu Rudow, und hat ein altes Dorf, viele Siedlungen und zwei große Neubauviertel. Am 24. Juli 2021 bin ich hier 13,1 Kilometer gelaufen, durch das Kosmosviertel an die frühere Grenze, ins alte Dorf, zum Wasserturm und durch das Kölner Viertel zurück.

Länge der Runde13,1 km
Gehzeit2:37 h
Gelaufen am24. Juli 2021
Einwohner*innen34.460
Fläche7,88 km²
BahnhöfeS Altglienicke, S Grünbergallee

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Kurz gesagt

  • Altglienicke wird 1375 als Dorf „Glinik“ erwähnt. Der Name ist slawisch und hat mit Lehm zu tun.
  • 1956 flog unter der Schönefelder Chaussee ein Spionagetunnel der CIA und des britischen Geheimdiensts auf. Ab 1961 lag Altglienicke an der Mauer, gegenüber von Rudow in West-Berlin.
  • Ende der 1980er und in den 1990er Jahren entstanden das Kosmosviertel und das Kölner Viertel.
  • Heute wohnen in Altglienicke rund 34.500 Menschen.

Geschichte

Schon um 2000 vor Christus haben hier Menschen gewohnt, an der heutigen Germanen-, Preußen- und Sachsenstraße wurden Herdstellen gefunden. Das Dorf „Glinik“ steht 1375 im Landbuch Kaiser Karls IV. Der Name kommt aus dem Slawischen, von „glina“ für Lehm oder sandigen Boden und „glinki“ für Lehmfelder.

Am 17. April 1893 wurde per kaiserlicher Verfügung die Gemeinde Altglienicke gegründet. 1898 baute die AEG ein Schalthaus für den Strom, 1904 kam der Anschluss ans Netz. 1906 war der Wasserturm fertig, 1908 bekam der Ort eine eigene Gasanstalt. Das Wasser kam aus einem gemeinsamen Verband mit Adlershof und Grünau. In den 1930er Jahren entstand die Gagfah-Siedlung als „Heimstätte für Angestellte“.

Nach 1945 gehörte Altglienicke zum sowjetischen Sektor. Ab 1961 lief an der Grenze zu Rudow die Mauer, das Gelände hinter der Feierhalle des Friedhofs an der Schönefelder Chaussee wurde Sperrgebiet.

1985 plante die DDR im Süden des Ortsteils eine riesige Plattenbausiedlung. Es gab massive Proteste, bis zum Mauerfall wurde nur ein Komplex gebaut. Danach planten der Senat und der Ost-Berliner Magistrat gemeinsam neu, und in den 1990er Jahren entstand das Kölner Viertel mit 2.456 Wohnungen.

Was Altglienicke ausmacht

Altglienicke ist vor allem ein ruhiger Wohnort mit Einfamilienhäusern und Reihenhäusern. Um die Kirche ist der alte Dorfkern mit niedrigen Häusern und schmalen Straßen erhalten. Dazu kommen Siedlungen aus vielen Jahrzehnten, zum Beispiel Grüneck und Sachsenberg, die Gagfah-Siedlung und die Altglienicker Höhe, und im Süden die großen Viertel an der Schönefelder Chaussee und der Wegedornstraße. Weit zu sehen ist der Wasserturm.

Im Norden grenzt Altglienicke an den Teltowkanal, im Westen an Rudow. Auf einem Teil des früheren Grenzstreifens ist der Landschaftspark Rudow-Altglienicke angelegt, ein anderer Teil liegt unter der Autobahn A113.

Orte, die sich lohnen

Kosmosviertel

Meine Runde beginnt und endet am S-Bahnhof Grünbergallee. Durch Wohnstraßen geht es zuerst nach Westen. An der Schönefelder Chaussee und der Siriusstraße liegt das Kosmosviertel. Es entstand ab Ende der 1980er Jahre auf früheren Feldern, die Häuser haben drei bis elf Geschosse. 2019 kaufte das Land Berlin hier 1.821 Wohnungen zurück, für rund 250 Millionen Euro. An einigen Giebeln waren im Juli 2021 große Wandbilder. Über das Wandbild an der Schönefelder Chaussee 191 von Age Age, Akte One und Caro Pepe gibt es einen eigenen Beitrag.

Friedhof Altglienicke

Nach gut drei Kilometern kommt die Runde an der Schönefelder Chaussee zum Friedhof Altglienicke. Er war zuerst ein Friedhof von Niederschöneweide. Die Gemeinde kaufte das Gelände im August 1910, weil Grundstücke in Schöneweide selbst zu teuer waren. Im Juli 1920 wurde er auch für Altglienicke geöffnet und umbenannt. Geplant hat ihn K. A. Herrmann. Hinter der Feierhalle erinnern Findlinge in drei Halbkreisen an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Seit 1939 gibt es eine eigene Urnenreihe für Menschen jüdischen Glaubens.

Auf dem Grabfeld U2 sind 1.360 Opfer der Nationalsozialisten beigesetzt, ohne Namen. Die meisten kamen aus Konzentrationslagern und aus Tötungsanstalten der „Euthanasie“, über 400 von ihnen aus Polen. Ab 1940 wurden sie unter anderem im Treptower Krematorium eingeäschert. Die Urnen der Deutschen forderten keine Angehörigen an, die der Ausländer*innen durften auf Anordnung der NS-Behörden nicht in ihre Heimat gebracht werden. Zu DDR-Zeiten erinnerte nur ein Stein allgemein an „Antifaschisten“. 2004 entdeckte der pensionierte Eisenbahningenieur Klaus Leutner das Grabfeld wieder. Im September 2021, kurz nach meiner Runde, wurde der Erinnerungsort eingeweiht. Auf einer dunkelgrünen Glaswand stehen seitdem Namen und Lebensdaten der Toten, jeder Eintrag von Hand geschrieben.

Spionagetunnel und Landschaftspark

Nicht weit vom Friedhof endete unter der Schönefelder Chaussee der Spionagetunnel. Unter der Straße liefen Telefonkabel der sowjetischen Truppen. 1954 begannen die CIA und der britische Geheimdienst SIS, von Rudow aus einen Tunnel bis unter die Straße zu graben. Ab Mai 1955 hörten sie elf Monate lang mit und füllten 50.000 Magnetbänder. Die Sowjets wussten durch den Doppelagenten George Blake schon vom Bau, ließen den Tunnel aber in Ruhe, um Blake nicht zu verraten. Ein Stück des Tunnels steht heute im Alliiertenmuseum. Am Mauerweg erzählt eine Tafel die Geschichte. Der Tunnel ist auch Schauplatz des Films „…und der Himmel steht still“ von 1992.

Auf dem früheren Grenzstreifen liegt der Landschaftspark Rudow-Altglienicke. Durch ihn läuft heute der Berliner Mauerweg.

Evangelischer Friedhof

Vom Landschaftspark führt die Runde durch Straßen mit Märchennamen wie Schneewittchenstraße und Rübezahlallee nach Norden. Am Alten Friedhof liegt der Evangelische Friedhof, angelegt um 1905 von der Gemeinde Altglienicke. Er steht mit Einfriedung, Portal und einem Grabmal unter Denkmalschutz.

Altes Dorf an der Semmelweisstraße

Über die Wegedornstraße und bis an den Teltowkanal geht es ins alte Dorf. Die Dorfkirche steht an der Ecke Semmelweisstraße und Köpenicker Straße, mitten im alten Ortskern. Gebaut wurde sie 1894/95, an den Entwürfen war unter anderem Ludwig von Tiedemann beteiligt.

Rund um die Kirche stehen alte Höfe und Häuser. Das Kossätenhaus Semmelweisstraße 7 ließ 1834 der Landwirt Christoph Hannemann bauen, er war Dorf- und Gerichtsschulze. Es gehört zu einem Vierseithof, dessen Bauten zwischen 1834 und 1905 entstanden. In der Nummer 10 steht ein Bauernhaus, das vor 1877 gebaut wurde. In der Nummer 1 war eine Gaststätte. Die Schule an der Ecke Besenbinderstraße ist von 1853, Bauherrin war die Gemeinde „Alt- und Neuglienicke“.

Ein paar Schritte weiter, in der Köpenicker Straße 9, steht das Schalthaus der AEG von 1898. Ecktürme und Fensterrahmen sind aus Backstein, die Formen lehnen sich an die Backsteingotik an. Den Strom bekam Altglienicke vermutlich aus dem Kraftwerk Oberspree in Oberschöneweide.

Wasserturm

Vom Dorf führt die Runde durch Kleingärten nach Osten, über den Berliner Außenring, bis zum Wasserturm an der Schirnerstraße. Er ist das Wahrzeichen von Altglienicke. Heinrich Scheven hat ihn entworfen und gebaut, fertig war er 1906. Der Besitzer, der ihn um 1999 kaufte, wollte darin wohnen und den Fuß als Kulturtreff nutzen. 2014 lag über dem Kopf des neogotischen Turms eine weiße Plane, weil die Ummauerung wegen Einsturzgefahr abgetragen werden musste. Eine Bürgerinitiative hat verhindert, dass das zugehörige Wasserwerk abgerissen wurde.

Die Straße Am Falkenberg führt von hier weiter zur Gartenstadt Falkenberg, die zu Bohnsdorf gehört.

Kölner Viertel

Durch die Straßen um die Germanenstraße geht es zurück nach Süden ins Kölner Viertel aus den 1990er Jahren. Es war das erste „Gesamtberliner Großbauvorhaben“ nach der Wiedervereinigung. Die Straßen heißen dort zum Beispiel Coloniaallee, Porzer und Ehrenfelder Straße.

Am S-Bahnhof Grünbergallee

Über die Coloniaallee geht es zurück zum S-Bahnhof Grünbergallee. Er liegt an der Grenze zu Bohnsdorf. Dort hängt eine Tafel für Alfred Grünberg: „Er war ein Kämpfer für Freiheit und Recht“. Grünberg war seit 1928 in der KPD, reiste von 1936 bis 1938 mehrmals als Kurier nach Prag und verteilte bei Siemens, wo er arbeitete, Flugblätter gegen die Nazis. Zusammen mit Kurt Steffelbauer und Johannes Gloger half er einem KPD-Beauftragten, der heimlich nach Deutschland gekommen war. Grünberg wurde verhaftet, zum Tode verurteilt und am 21. Mai 1942 in Plötzensee hingerichtet. Er wohnte ganz in der Nähe, an der Grünbergallee in Bohnsdorf. Sein Name steht auch auf dem Gedenkstein in der Dahmestraße.

Meine Runde

Meine Runde ist 13,1 Kilometer lang, ich war gut zweieinhalb Stunden unterwegs. Start und Ziel ist der S-Bahnhof Grünbergallee, auch der S-Bahnhof Altglienicke liegt an der Runde.

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Am Wegesrand

Ein Fund nach Drehbuch. Am 22. April 1956 ließen die Sowjets die Schönefelder Chaussee aufreißen, die Kasernierte Volkspolizei legte den Tunnel frei. Am Tag darauf verkündete der sowjetische Militärkommandant auf einer Pressekonferenz die „Entdeckung“ des Tunnels, von dem die Sowjets längst wussten.

Tunnel zum Anschauen. Ab dem 3. Mai 1956 durfte die Bevölkerung den Tunnel besichtigen. Die Nachrichtenagentur ADN schrieb dazu, alle könnten sich „mit eigenen Augen von dem verbrecherischen Anschlag der Amerikaner überzeugen“.

Sarg per Handpumpe. Die Feierhalle auf dem Friedhof hat einen Sargaufzug. Im Keller drückt eine Pumpe, die von Hand bedient wird, Wasser unter eine Plattform und hebt so den Sarg in die Halle.

Handschrift für die Toten. Am 27. Januar 2020 schrieben im Rathaus Köpenick 895 Menschen von Hand Namen und Lebensdaten von je einem Toten auf. Ihre Schrift steht jetzt auf der Glaswand im Friedhof.

Gottesdienst im Wasserturm. Ab 1933 fanden im Erdgeschoss des Wasserturms Gottesdienste statt. Reste der Wandgestaltung aus dieser Zeit sind erhalten.

Gut zu wissen

Mit der Bahn: Die S-Bahnhöfe Grünbergallee und Altglienicke (S9, S45) liegen an der Runde.

Mehr auf dieser Seite: Die dritte Etappe des Berliner Mauerwegs führt durch den Landschaftspark Rudow-Altglienicke am Spionagetunnel vorbei.

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