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Von Kostrzyn nach Golzow: Festung Küstrin, Oder und die Kinder von Golzow

Altarm der Warthe in Kostrzyn nad Odrą mit Sandbank bei Niedrigwasser, dahinter eine weiße Stahlbrücke auf gemauerten Pfeilern

Tour im Oderbruch · Alle Touren und Wege

Diese Tour beginnt in Polen und endet in einem Dorf, das Filmgeschichte geschrieben hat. Vom Bahnhof Kostrzyn geht es über die Warthe in die Küstriner Altstadt, von der nur Straßen und Grundmauern geblieben sind, dann über die Oder ins Oderbruch und über Gorgast nach Golzow. Gut 20 Kilometer von Bahn zu Bahn, flach und ohne schwierige Stellen.

Ich bin die Strecke am 7. August 2022 gegangen, an einem Sommersonntag mit blauem Himmel und Quellwolken. Warthe und Oder führten wenig Wasser, auf den Feldern stand der Mais hoch. Seitdem hat sich am Weg einiges verändert: Über die Warthe führt eine neue Brücke, und über die Oder fahren wieder Züge. Wo das für deine Planung wichtig ist, steht es dabei.

Inhalt dieser Tour

Strecke

20,1 km

Gehzeit

4:11 h

Schwierigkeit

mittel

Art

Streckentour, einfach

Start

Bahnhof Kostrzyn (Polen)

Ziel

Haltepunkt Golzow (Oderbruch)

ÖPNV

RB 26 zum Start und ab dem Ziel

Karte: Wanderung von Kostrzyn über die Oder nach Golzow im OderbruchStreckenwanderung vom Bahnhof Kostrzyn über die Warthe, durch die Küstriner Altstadt, über die Oder und die Oderinsel nach Küstrin-Kietz, auf der Kaiserallee nach Gorgast und über die Felder zum Haltepunkt Golzow (Oderbruch), 20,1 km, mit sechs nummerierten Orten. Die Pfeile zeigen die Gehrichtung.123456Start: KostrzynZiel: Golzow2 km
Vom Bahnhof Kostrzyn zum Haltepunkt Golzow (Oderbruch), 20,1 km. Die Pfeile zeigen die Gehrichtung, die Nummern stehen im Streckenband. Gestrichelt: die Bahnstrecken.

Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.

Streckenband

  1. Kilometer 0Bahnhof KostrzynStart · RB 26
  2. Kilometer 2,81Warthebrücke
  3. Kilometer 42Altstadt KüstrinFestungsmuseum in der Bastion Philipp
  4. Kilometer 53OderinselHinter der Grenzbrücke über die Oder
  5. Kilometer 7Bahnhof Küstrin-KietzRB 26, Ausstieg möglich
  6. Kilometer 8,54Kaiserallee
  7. Kilometer 135Park GorgastAbstecher zum Fort Gorgast möglich
  8. Kilometer 186Filmmuseum GolzowEinkehr nahe dem Dorfplatz
  9. Kilometer 20,1Haltepunkt Golzow (Oderbruch)Ziel · RB 26
Kilometer gerundet, aus dem Track abgeleitet.

Darum lohnt sich die Tour

  • In Kostrzyn läufst du durch eine Stadt ohne Häuser: Die Küstriner Altstadt wurde 1945 zerstört und nie wieder aufgebaut. Geblieben sind Straßen, Bordsteine und Kellermauern.
  • Du gehst zu Fuß über zwei Flüsse und eine Staatsgrenze, erst über die Warthe, dann über die Oder.
  • Auf der Oderinsel stehen leere Kasernen mitten in einem Naturschutzgebiet. Dahinter wird das Land weit, und du läufst durch das offene Oderbruch.
  • In Golzow endet die Tour am Filmmuseum „Kinder von Golzow“. Es erinnert an die älteste Langzeitbeobachtung der Filmgeschichte.
  • Start und Ziel sind Halte der RB 26, und in Küstrin-Kietz kannst du abkürzen. Du brauchst kein Auto.

Anreise

Start und Ziel liegen an der RB 26, der Oderlandbahn der Niederbarnimer Eisenbahn. Sie fährt von Berlin Ostkreuz über Lichtenberg, Strausberg, Müncheberg und Seelow-Gusow nach Kostrzyn, laut NEB täglich im Stundentakt. Kostrzyn ist die Endstation. Verbindungen suchst du am besten in der Fahrinfo des VBB oder über die Reiseauskunft der Deutschen Bahn.

Zwei Dinge solltest du vorher wissen. Der VBB-Tarif und das Deutschlandticket gelten nur bis Küstrin-Kietz, dem letzten Halt auf deutscher Seite. Für das kurze Stück über die Oder brauchst du laut VBB einen Anschlussfahrausweis. Und in Golzow (Oderbruch) hält laut Fahrplan nicht jeder Zug. Schau vorher nach, welche Rückfahrt zu deinem Tempo passt.

Als ich 2022 unterwegs war, endeten die Züge in Küstrin-Kietz, weil die Eisenbahnbrücke über die Oder neu gebaut wurde. Über die Grenze fuhren Busse. Seit Ende Juli 2024 fahren die Züge wieder durch.

Die Route

Die Tour hat drei Teile. Die ersten fünf Kilometer gehören Kostrzyn und dem alten Küstrin: Neustadt, Warthe, Altstadt und Oder. Dann kommen die Oderinsel und Küstrin-Kietz, der deutsche Rest der geteilten Stadt. Ab Kilometer acht bist du im offenen Bruch und läufst über Gorgast nach Golzow.

Kostrzyn: Vom Turmbahnhof durch die Neustadt

Ich starte am Bahnhof Kostrzyn. Er ist ein Turmbahnhof: Zwei Strecken kreuzen sich hier auf zwei Etagen. Oben verläuft die alte Ostbahn aus Berlin, sechs Meter darunter die Strecke von Stettin nach Breslau. Gebaut wurde der Bahnhof von 1872 bis 1874, bis 1945 hieß er Küstrin Neustadt Hauptbahnhof.

Vom Bahnhof gehe ich nach Osten in die Neustadt. Nach ein paar hundert Metern steht ein runder Wasserturm aus rotem Backstein über den Wohnhäusern. Er wird nach oben schmaler und trägt einen hell verputzten, auskragenden Behälter. Es ist der alte städtische Wasserturm von 1903, in Betrieb ist er nicht mehr.

Kostrzyn ist eine junge Stadt auf altem Grund. 1939 hatte Küstrin gut 21.000 Einwohner*innen. Nach den Kämpfen im Frühjahr 1945 lagen laut Festungsmuseum mehr als 90 Prozent der Bebauung in Trümmern, und 1946 lebten in der nun polnischen Stadt 634 Menschen. Heute sind es rund 17.500. Deshalb komme ich auf dem Weg durch die Neustadt vor allem an Wohnblocks aus der Nachkriegszeit vorbei und nur an wenigen alten Häusern.

An einem Parkplatz steht ein rotes Metallgestell mit schmalem Dach auf einem gepflasterten Podest. An einem der Pfosten hängt die Nummer 26. Ob hier einmal ein Marktstand war oder eine Haltestelle, konnte ich nicht klären.

Durch Wohnstraßen und am Stadtpark vorbei komme ich zur Hauptstraße, der ulica Sikorskiego. Im Park stehen Figurengruppen aus dem Atelier von Michał Batkiewicz: musizierende Kinder und ein Zyklus über die Lebensalter. Kurz vor der Warthe liegt an der Straße ein Teich mit grünem Wasser, einer Schilfinsel und einer großen Trauerweide am Ufer.

Über die Warthe

Dann stehe ich über der Warthe. Sie ist hier fast am Ziel: Nach 808 Kilometern mündet sie gleich hinter Kostrzyn in die Oder. An diesem Tag ist ihr Wasser braun und träge. Neben der Fahrbahn spannt sich ein rostbraunes Stahlfachwerk dicht über dem Fluss, davor ragt ein alter Pfeilerrest aus dem Wasser.

Die Brücke war 2022 eine Baustelle. Die alte stammte aus dem späten 19. Jahrhundert, seit Juli 2021 wurde an ihrem Ersatz gearbeitet. Wenn du die Tour heute gehst, läufst du über einen Neubau: Im Oktober 2025 wurde die neue Warthebrücke eröffnet, 300 Meter lang, mit 17 Meter hohen Pylonen.

Gleich dahinter quert die Straße noch einen Altarm. Bei Niedrigwasser liegt dort eine Sandbank frei. Flussaufwärts beginnt der Nationalpark Warthemündung, 2001 gegründet und gut 8.000 Hektar groß. In dem Überschwemmungsgebiet sind nach Angaben des Parks mehr als 280 Vogelarten nachgewiesen.

Hinter den Brücken säumen Tankstellen und Läden die Straße zur Grenze. Am Hotel Bastion verlasse ich sie und stehe wenig später in der Altstadt.

Die Altstadt, die es nicht mehr gibt

Genauer gesagt stehe ich auf ihren Straßen. Kurze Straße, Marktplatz, Berliner Straße: Die Namen stehen auf Polnisch und Deutsch auf den Schildern. Pflaster und Bordsteine sind noch da. Dahinter wachsen Gras und Bäume über Kellermauern und Hauseingänge. Häuser gibt es keine.

Küstrin war eine Festungsstadt am Zusammenfluss von Oder und Warthe. Ende März 1945 wurde die Altstadt im Kampf um die Festung zerstört. Wieder aufgebaut wurde sie nie. Erst seit den 1990er Jahren sind Straßen und Fundamente wieder freigelegt. Die ganze Geschichte steht unten bei Am Wegesrand.

Ich gehe über den Marktplatz zur Ruine der Marienkirche. Von der Pfarrkirche stehen noch Mauerstümpfe aus Backstein und Feldstein, überwuchert von Efeu. Daneben ragt ein schlichtes Holzkreuz auf, ringsum liegen Steine im trockenen Gras.

Ein paar Schritte weiter lag das Schloss, in dem der spätere Friedrich II. 1730 als Gefangener saß. Davor steht der leere Sockel eines Denkmals für Markgraf Johann, der Küstrin im 16. Jahrhundert zur Festung ausbauen ließ. Über die Berliner Straße verlasse ich die Altstadt durch das Berliner Tor, eines von zwei erhaltenen Festungstoren. Hier sitzen heute die Touristeninformation und ein kleiner Teil des Festungsmuseums. Die Hauptausstellung ist in der Bastion Philipp untergebracht.

Über die Oder nach Deutschland

Hinter dem Berliner Tor steht noch das Dach der alten Grenzabfertigung, lang und gewölbt, über leeren, gepflasterten Fahrspuren. Im November 1992 wurde der Straßenübergang eröffnet, Ende 2007 fielen mit Polens Beitritt zum Schengen-Raum die festen Kontrollen weg.

Dann gehe ich auf die Oderbrücke. In der Mitte des Stroms verläuft die Staatsgrenze. Bis 1945 war das keine Grenze, sondern die Mitte einer Stadt: Am Ostufer lag die Altstadt, am Westufer lagen die Lange Vorstadt und der Kietz. Vom Geländer aus sehe ich am polnischen Ufer über Schilf und einem Altwasser die Mauer der Bastion König.

Die Eisenbahn quert die Oder ein Stück flussabwärts. 2022 war ihre alte Brücke schon abgebaut. Seit Juli 2024 fahren die Züge dort über einen Neubau, eine Netzwerkbogenbrücke mit Hängern aus Carbon. Nach Angaben der Bahn ist sie die erste Eisenbahnbrücke dieser Bauart weltweit.

Oderinsel und Odervorflut

Das Land hinter der Brücke ist eine Insel. Sie liegt zwischen der Oder und ihrem Nebenarm, der Odervorflut. Die Detlefsenstraße führt einmal quer hinüber. An der Straße stehen leere Kasernen unter alten Bäumen, mit gelblichem Putz, Wasserflecken und offenen Fenstern. Jahrzehntelang war die Insel militärisches Sperrgebiet, heute steht ihr unbebauter Teil unter Naturschutz. Mehr dazu unten bei Am Wegesrand.

Am Ende der Insel überquere ich die Vorflut. An der Brücke steht ein Gedenkstein für den Leutnant Wilhelm von Falkenhayn, der hier Ende Oktober 1806 im Gefecht mit französischen Truppen fiel, kurz bevor die Festung kapitulierte. Von der Brücke schaue ich auf ruhiges Wasser, eine Sandbank und alte Holzpfähle. Im Flachen liegt ein umgestürzter Baum.

Die Vorflut ist ein alter Mühlengraben, der 1832 ausgebaut wurde. Bei Hochwasser nimmt sie der Oder einen Teil des Wassers ab.

Küstrin-Kietz

Hinter der Brücke beginnt Küstrin-Kietz. Der Ort war der westliche Teil von Küstrin und blieb 1945 als einziger deutsch. Der Name wechselte danach mehrfach: 1954 hieß der Ort für ein paar Monate Friedensfelde, dann nur noch Kietz. Seit dem 3. Oktober 1991 heißt er wieder Küstrin-Kietz. Heute gehört er zur Gemeinde Küstriner Vorland.

Ich gehe auf der Karl-Marx-Straße durch den Ort. Der Bahnhof liegt nur wenige Minuten abseits des Weges. Wenn dir Küstrin genügt, steigst du hier nach knapp sieben Kilometern in die RB 26. Am Bahnhof hat ein Verein den Kietz-Bahnhof als Kultur- und Erinnerungsort eingerichtet.

Über den Schwarzen Weg verlasse ich das Dorf nach Westen. Hinter einem Maisfeld steht eine lange, flache Lagerhalle, dahinter ein Schornstein aus Backstein. Am Ortsrand steht das gelbe Schild mit dem vollen Namen: Küstrin-Kietz, Gemeinde Küstriner Vorland, Landkreis Märkisch-Oderland.

Auf der Kaiserallee ins Bruch

Die Kaiserallee ist trotz ihres Namens eine schmale Asphaltstraße. Sie läuft schnurgerade nach Nordwesten, links steht Mais, rechts eine Hecke. So hieß sie schon vor 1933, seit 1995 trägt sie den Namen wieder. Autos kommen hier kaum vorbei.

Hier beginnt das Oderbruch, wie man es sich vorstellt: flach bis zum Horizont, Felder, Gräben und sehr viel Himmel. Natürlich ist an dieser Landschaft wenig. Ohne Deiche stünde sie regelmäßig unter Wasser. Der südliche, etwas höher gelegene Teil des Bruchs wurde früh geschützt. Schon lange vor der großen Trockenlegung gab es Ringdeiche um Dörfer wie Gorgast, und 1717 ließ Friedrich Wilhelm I. einen durchgehenden Deich von Lebus bis Zellin schließen. Die berühmte Trockenlegung unter Friedrich II. von 1747 bis 1753 betraf vor allem das Niederoderbruch weiter nördlich. Darum geht es in meinem Bericht von Altranft an den Oderdeich.

Im Frühjahr 1945 verlief hier die Front. Zwischen Gorgast und Küstrin hielten deutsche Truppen wochenlang einen schmalen Korridor offen, die sogenannte Schlauchstellung, über den die eingeschlossene Festung versorgt wurde. Am 22. März schlossen sowjetische Truppen den Ring.

Nach gut zehn Kilometern biege ich auf die Straße von Altbleyen nach Gorgast. Altbleyen liegt rechts hinter den Feldern. Das Dorf gehört zu einem Gebiet, das um 1229 dem Templerorden zur Besiedlung übertragen wurde und später an die Johanniter kam. Links stehen am Horizont flache Ställe und dunkle Hochsilos.

Gorgast: Park an der Alten Oder

Gorgast taucht 1375 im Landbuch Kaiser Karls IV. auf, damals schon als Besitz des Johanniterordens. Später war es preußische Staatsdomäne. Ich komme von Nordosten ins Dorf und gehe durch den Park. Er besteht aus einem unteren und einem oberen Teil. Das Amt Golzow schreibt ihn Peter Joseph Lenné zu, sicher belegt ist das nicht.

Zwischen beiden Parkteilen liegt ein Altarm der Oder, der hier Förstersee heißt. Eine Holzbrücke führt hinüber. Vom Ufer sehe ich auf eine Schilfinsel. Um sie herum spiegeln sich Wolken und Bäume im Wasser.

Am Park steht das Gutshaus von 1840. Gebaut hat es der Domänenpächter Gustav Wahnschaffe, sein Schwiegersohn Gustav von Rosenstiel ließ es 1874 umbauen. Die Familie von Rosenstiel bewirtschaftete die Domäne bis 1945. Nach langem Leerstand hat eine Genossenschaft das Haus übernommen.

Das Fort Gorgast liegt nicht an meinem Weg, aber nah: rund einen Kilometer südlich des Dorfkerns, nicht weit vom Haltepunkt der RB 26. Es wurde von 1883 bis 1889 als Außenfort der Festung Küstrin gebaut, ist von einem 42 Meter breiten Wassergraben umgeben und gilt als das besterhaltene der Küstriner Außenforts. Wenn du Zeit hast, hängst du den Abstecher an.

In Gorgast begann nach der Golzower Ortschronik 1906 auch der Gemüseanbau, für den das Oderbruch später bekannt wurde. Den Anfang machte ein eingewanderter Holländer namens van Spronsen.

Über die Felder nach Golzow

Hinter Gorgast gehe ich auf dem Pumpenweg nach Westen, einem asphaltierten Wirtschaftsweg zwischen den Feldern. Schatten gibt es nicht. Nach 16 Kilometern komme ich auf die Gorgaster Chaussee und laufe auf Golzow zu.

Am Ortseingang steht das Ortsschild, dahinter die silbernen Silos eines Getreidelagers und ein alter Backsteinschornstein. Seit 2014 trägt Golzow offiziell den Zusatz „Ort der Kinder von Golzow“. Auf dem Schild, das ich fotografiere, steht er nicht.

Golzow: Das Dorf der Kinder von Golzow

Golzow wird 1308 als „villam Gholsow“ zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Heute leben hier gut 800 Menschen. Ich gehe auf der Hauptstraße ins Dorf und quere den Kleinbahndamm. Auf ihm fuhr bis 1966 die Oderbruchbahn, heute verläuft hier der Oderbruchbahn-Radweg.

Was ich sehe, ist fast alles nach 1945 gebaut. Nach der Ortschronik waren nach den Kämpfen im Frühjahr 1945 76 Prozent aller Gebäude vollständig zerstört, der Rest stark beschädigt. Die Kirche, die mitten im Dorf stand, wurde nicht wieder aufgebaut. Die Gemeinde trifft sich seitdem in einem Kirchsaal im Pfarrhaus am Dorfplatz. Zwei Jahre nach dem Krieg, im März 1947, brach bei Reitwein der Oderdeich, und das Wasser stand in Golzow je nach Lage einen bis drei Meter hoch.

In dieses Dorf kam im August 1961 ein Filmteam der DEFA, um eine erste Klasse bei der Einschulung zu drehen. Es kam immer wieder, mehr als vier Jahrzehnte lang. Am Gemeindezentrum, gleich neben der Schule, steht heute ein Schild mit Filmkamera: Filmmuseum Kinder von Golzow. Die Geschichte dahinter bekommt unten einen eigenen Abschnitt.

Zum Haltepunkt Golzow (Oderbruch)

Vom Dorfplatz sind es noch gut zwei Kilometer bis zur Bahn. Die Bahnhofstraße führt nach Südosten aus dem Dorf hinaus. Sie wurde 1868 angelegt, kurz nachdem Golzow einen Halt an der Ostbahn bekommen hatte.

Der Haltepunkt ist klein: ein Bahnsteig, ein Gleis, ein blaues Schild vor dichtem Grün. Nach 20,1 Kilometern warte ich hier auf die RB 26 nach Berlin.

Die Kinder von Golzow

Golzow wäre ein Dorf wie viele im Oderbruch, wenn nicht 1961 ein junger Regisseur hierhergekommen wäre. Aus einem kurzen Film über einen ersten Schultag wurde die älteste Langzeitbeobachtung der Filmgeschichte: „Die Kinder von Golzow“. Ich halte sie für eines der wichtigsten und spannendsten Zeitdokumente, die es über das Leben in der DDR und in den Jahren danach gibt.

Ein erster Schultag im August 1961

Die Idee stammte von Karl Gass, einem der prägenden Dokumentarfilmer der DEFA. Er wollte Kinder vom ersten Schultag an mit der Kamera begleiten. Umgesetzt hat sie Winfried Junge, damals 26 Jahre alt. Dass die Wahl auf Golzow fiel, lag am Schulrat des Bezirks Frankfurt (Oder), der den Ort empfahl: Hier war gerade eine neue, zentrale Schule gebaut worden, in der Kinder auch auf dem Land zehn Jahre lang lernen konnten. Und das Oderbruch war eine Gegend, über die 1945 der Krieg mit voller Wucht gekommen war.

Am 28. August 1961, wenige Tage nach dem Bau der Berliner Mauer, begannen die Dreharbeiten. Zuerst filmte das Team die Kinder im Sandkasten des Kindergartens, dann bei der Einschulung. Im Klassenzimmer drehte es anfangs mit versteckter Kamera, von außen durch die Fenster. Der erste Film heißt „Wenn ich erst zur Schule geh’ …“, ist schwarzweiß und dauert 13 Minuten. In der Klasse saßen 26 Kinder der Jahrgänge 1953 bis 1955. 18 von ihnen haben die Filmemacher*innen später porträtiert.

Aus dem Kurzfilm wird eine Chronik

Junge kam wieder. 1962 entstand „Nach einem Jahr“, 1966 „Elf Jahre alt“. Es folgten Filme über die Vierzehnjährigen, über die Abschlussprüfung und über die ersten Jahre danach. Mit jedem Film wurden die Kinder älter und die Fragen größer. An der Kamera stand von 1962 bis 1984 Hans-Eberhard Leupold. Barbara Junge arbeitete seit 1978 im Archiv des Projekts mit, schnitt ab 1983 alle Filme und führte seit 1992 gemeinsam mit ihrem Mann Regie.

1980 kam mit „Anmut sparet nicht noch Mühe“ der erste abendfüllende Film heraus. Kurz darauf folgte „Lebensläufe“, mehr als vier Stunden lang, mit Einzelporträts der inzwischen erwachsenen Golzower*innen. Der Film wurde 1982 auf der Berlinale mit dem Preis der internationalen Filmkritik ausgezeichnet. Nach Angaben der Junges ging er 1985 als Film mit der längsten Produktionsdauer der Filmgeschichte in ein Nachschlagewerk von Guinness ein.

Dann kam 1989. Die DDR verschwand, die DEFA wurde abgewickelt, das Projekt ging weiter. 1992 zogen die Junges mit „Drehbuch: Die Zeiten“ eine erste Bilanz über drei Jahrzehnte mit den Golzower*innen und mit der DEFA. Danach widmeten sie einzelnen Lebenswegen eigene, lange Filme. Manche Titel klingen, als hätten die Porträtierten sie selbst gesagt: „Was geht euch mein Leben an“, „Da habt ihr mein Leben“, „Eigentlich wollte ich Förster werden“.

Der letzte Drehtag war der 13. Oktober 2005. Den Abschluss bilden zwei Doppelfilme mit Märchentiteln: „Und wenn sie nicht gestorben sind …“ und „… dann leben sie noch heute“, zusammen gut neun Stunden lang. Der letzte Teil hatte im Februar 2008 auf der Berlinale Premiere. Am Ende stehen, je nach Zählweise, 19 oder 20 Filme mit mehr als 42 Stunden Laufzeit, entstanden zwischen 1961 und 2007.

Warum das mehr ist als Dorfgeschichte

Die Filme zeigen keine Prominenten und keine Ausnahmeleben. Sie zeigen, wie aus Kindern Lehrlinge, Berufstätige, Eltern und Großeltern werden, erst in der DDR und dann in dem Land, das nach ihr kam. Schulalltag, Berufswahl, Familiengründung, die Erwartungen des Staates an seine Jugend, das Jahr 1989 und die Umbrüche danach: All das erlebst du nicht als These, sondern an einzelnen Menschen, denen du über Jahrzehnte immer wieder begegnest.

Dass die Chronik in Golzow spielt, gibt ihr eine zweite Ebene. Die Kinder von 1961 wuchsen in einem Dorf auf, das 16 Jahre zuvor fast vollständig zerstört und kurz darauf überflutet worden war. Später gehörte die Golzower LPG zu den Vorzeigebetrieben der DDR. Die Ortschronik verzeichnet für 1978 einen Besuch von Jassir Arafat und für 1984 einen von Kim Il Sung.

Die Geschichte geht übrigens weiter. 2015 fehlte der Golzower Grundschule ein Kind für eine erste Klasse. Dass sie zustande kam, lag an drei Kindern aus zwei syrischen Familien, die das Dorf aufgenommen hatte. Auch darüber gibt es inzwischen einen Film: „Die neuen Kinder von Golzow“.

Winfried Junge ist im Juli 2025 neunzig geworden. Das Filmmuseum blieb an diesem Tag geschlossen, weil in Golzow gefeiert wurde. Das Archiv der Junges mit Szenarien, Werkfotos und Briefen liegt inzwischen in der Akademie der Künste in Berlin.

Das Filmmuseum im Gemeindezentrum

Seit September 2000 gibt es in Golzow eine Ausstellung zu den Filmen, zuerst in einem Klassenraum der Schule. 2008 zog sie in größere Räume und wurde zum Filmmuseum „Kinder von Golzow“. Es sitzt im Gemeindezentrum an der Hauptstraße 16, mitten im Dorf, und wird vom Verein „Golzower für Golzow“ ehrenamtlich betrieben.

Zu jedem Film gibt es mindestens eine Tafel, dazu Multimediastationen, eine 35-Millimeter-Kamera, alte Schulbücher und eine Tafel aus der alten Schule. Das Herzstück ist ein fast originalgetreuer Schneideraum mit Möbeln und Technik aus dem Berliner Studio der Junges. In einem kleinen Kino mit 24 Plätzen kannst du die Filme sehen. Nach Angaben des Museums lagern in Golzow außerdem mehrere hundert Rollen mit unveröffentlichtem Material.

Geöffnet ist das Museum 2026 von Anfang März bis Mitte Dezember mittwochs bis samstags von 11 bis 16 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene 4,50 Euro und schließt das Kino ein. Sonntags ist geschlossen. Prüf die aktuellen Zeiten, bevor du losgehst. Wenn du das Museum mit der Wanderung verbinden willst, hast du zwei Möglichkeiten: Du startest früh in Kostrzyn und bist nach 18 Kilometern rechtzeitig in Golzow. Oder du drehst die Tour um, beginnst im Museum und läufst danach nach Kostrzyn.

Die Filme sehen, die Bücher lesen

Alle Filme sind bei absolut Medien als Gesamtedition auf 18 DVDs erschienen, im Frühjahr 2026 in einer Neuauflage. Du findest die Edition auch bei Amazon (Werbelink). Drei der späten Porträtfilme stehen kostenlos in der Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung. Einzelne Teile gibt es nach Angaben des Museums auch auf dem YouTube-Kanal „DEFA-Filmwelt“.

Zum Nachlesen gibt es zwei Bücher von Barbara und Winfried Junge, beide im Schüren Verlag erschienen. „Lebensläufe: Die Kinder von Golzow“ versammelt auf 328 Seiten mehr als 600 Fotos und Dokumente aus allen Jahrzehnten des Projekts. „Und wenn sie nicht gestorben sind …“ handelt vom Ende der Langzeitbeobachtung (Werbelink).

Die Junges selbst erzählen die Geschichte auf ihrer Projektseite, mit Chronik, Filmliste und vielen Hintergründen.

Am Wegesrand

Zwei Orte am Weg, zu denen es mehr zu erzählen gibt.

Küstrin: Festung, Katte und eine Stadt ohne Häuser

1535 machte Markgraf Johann von Brandenburg, genannt Hans von Küstrin, den Ort zu seiner Residenz. Zwei Jahre später, am 11. November 1537, ließ er mit dem Bau der Festung beginnen. Italienische Baumeister machten daraus ein langgestrecktes Sechseck mit sechs Bastionen und drei Toren. Erhalten sind die Bastionen König, Brandenburg und Philipp, das Berliner Tor und das Kietzer Tor. Der Rest wurde in den 1920er Jahren abgetragen.

Bekannt wurde Küstrin durch eine Hinrichtung. 1730 versuchte der achtzehnjährige Kronprinz Friedrich, vor seinem Vater aus Preußen zu fliehen. Der Plan flog auf, Friedrich kam als Gefangener nach Küstrin. Am 6. November 1730 wurde hier sein Freund und Mitwisser Hans Hermann von Katte enthauptet, und der Kronprinz musste auf Befehl des Königs vom Fenster aus zusehen. Wo genau das Schwert fiel, ist bis heute umstritten. Eine Gedenktafel am Wall zwischen der Bastion Brandenburg und dem Schloss markiert den wahrscheinlichsten Ort. Fontane hat der Geschichte im Oderland-Band seiner „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ ein langes Kapitel gewidmet, „Die Katte-Tragödie“.

Im Januar 1945 wurde Küstrin zur Festung erklärt. Anfang März griff die Rote Armee Neustadt und Kietz an, Ende März lag die Altstadt unter schwerem Beschuss. In der Nacht zum 30. März brach der Rest der Besatzung aus. Das Festungsmuseum hält es für möglich, dass in den Kämpfen bis zu 10.000 Menschen starben.

Wieder aufgebaut wurde die Altstadt nicht. Die neue polnische Stadt wuchs in der Neustadt am Bahnhof, die Ruinen an der Grenze trug man ab. Ihre Ziegel sollen unter anderem beim Wiederaufbau von Warschau verwendet worden sein. 1969 wurden die Reste des Schlosses gesprengt. Erst in den 1990er Jahren ließ die Stadt Straßen und Fundamente wieder freilegen, später kamen Straßenschilder in zwei Sprachen dazu. Seitdem trägt der Ort den Beinamen „Pompeji an der Oder“, das Museum selbst spricht vom Küstriner Pompeji.

Das Gelände ist frei zugänglich. Die Hauptausstellung des Museums in der Bastion Philipp ist montags geschlossen, die Öffnungszeiten wechseln mit der Jahreszeit.

Die Oderinsel: Kasernen im Naturschutzgebiet

Die Insel zwischen Oder und Vorflut gehörte immer zu Küstrin. 1536 ließ Markgraf Johann das Dorf Kietz aus militärischen Gründen hierher verlegen. Nördlich davon entstand die Lange Vorstadt. Den Namen Oderinsel bekam das Gebiet erst in der DDR.

Um 1903 wurde auf der Insel eine Kaserne für ein Feldartillerie-Regiment gebaut und in den 1930er Jahren erweitert. Im Frühjahr 1945 wurde sie schwer beschädigt. Nach dem Krieg zog die sowjetische Armee ein, und die Insel wurde Sperrgebiet. Nach der Darstellung des Küstriner Geschichtsportals cuestrin.de verließen am 15. Mai 1991 die letzten 192 Soldaten einer Pioniereinheit das Gelände.

Seit 2010 ist der unbebaute Teil der Insel als Naturschutzgebiet „Oderinsel Küstrin-Kietz“ ausgewiesen, rund 213 Hektar groß. Die Wege darfst du nicht verlassen. Die Kasernen selbst sind nicht zugänglich.

Pläne für die Gebäude gab es mehrere, verwirklicht wurde keiner. Zuletzt wollte das Land Brandenburg hier 2024 ein Ausreisezentrum für abgelehnte Asylbewerber*innen einrichten. Im Februar 2025 sagte das Innenministerium das Vorhaben ab: Der Standort sei nach Lage und Infrastruktur ungeeignet.

Gut zu wissen

  • Die Strecke ist eine eigene Komoot-Route und nicht als Wanderweg markiert. Geh am besten mit dem Track. Zwischen Küstrin-Kietz und Golzow läufst du auf ruhigen Nebenstraßen und Wirtschaftswegen, die du dir mit Radfahrer*innen teilst.
  • Gut 20 Kilometer sind lang, aber durchgehend flach. Schwierige Stellen gibt es nicht, die Einstufung „mittel“ kommt allein von der Länge.
  • Untergrund: fast durchgehend Asphalt und Pflaster. In der Küstriner Altstadt läufst du über Kopfsteinpflaster und Sandwege, im Gorgaster Park über unbefestigte Wege.
  • Zwischen Küstrin-Kietz und Golzow gibt es so gut wie keinen Schatten. Nimm im Sommer genug Wasser und eine Kopfbedeckung mit.
  • Du überquerst eine Staatsgrenze. Nimm Personalausweis oder Reisepass mit: Nach den Hinweisen des Auswärtigen Amts musst du beim Grenzübertritt ein Reisedokument dabeihaben, und beide Länder kontrollieren derzeit stichprobenartig (Stand Oktober 2026).
  • Die Straßenbrücke über die Oder ist alt und für Fahrzeuge nur noch eingeschränkt befahrbar. Für den Austausch eines Brückenteils war eine mehrmonatige Vollsperrung angekündigt, die auch den Fußweg betreffen sollte. Prüf vor der Tour, ob die Brücke offen ist.
  • Tickets: Deutschlandticket und VBB-Tarif gelten nur bis Küstrin-Kietz. Für die Fahrt nach Kostrzyn brauchst du einen Anschlussfahrausweis.
  • Einkehr und Einkauf: In Kostrzyn findest du am Bahnhof und in der Neustadt Bäcker, Läden und Restaurants. In Golzow gibt es nahe dem Dorfplatz das Restaurant und Café Eis Alex und ein Stück weiter das Gasthaus Wagner. Dazwischen liegt wenig am Weg. Nimm Proviant mit und prüf die Öffnungszeiten.
  • Abkürzen: Am Bahnhof Küstrin-Kietz kommst du nach knapp sieben Kilometern vorbei. Der Haltepunkt Gorgast liegt rund einen Kilometer südlich des Parks. Dort hält wie in Golzow nicht jeder Zug.
  • Filmmuseum: 2026 mittwochs bis samstags von 11 bis 16 Uhr geöffnet, sonntags geschlossen. Die aktuellen Zeiten stehen auf der Website des Museums.
  • Auf der Oderinsel gilt: auf den Wegen bleiben und die Kasernen nicht betreten.
  • Abstecher: das Festungsmuseum in der Bastion Philipp, der Kietz-Bahnhof in Küstrin-Kietz und das Fort Gorgast. Die NEB hat einen Ausflugstipp zu beiden Festungen. Mehr Ziele in der Gegend findest du beim Seenland Oder-Spree und bei Kulturerbe Oderbruch, zu dessen Orten auch das Filmmuseum Golzow gehört.

Fazit

Diese Tour ist eher eine Geschichtsstunde zu Fuß als eine Naturwanderung. Die erste Hälfte ist dicht: zwei Flüsse, eine Grenze, eine Stadt ohne Häuser, eine Insel voller leerer Kasernen. Danach wird es still, und du brauchst etwas Geduld für Asphalt, Mais und Himmel. Der Park in Gorgast ist eine gute Pause, bevor es auf den letzten Kilometern noch einmal eintönig wird. Dass am Ende Golzow steht, macht für mich den Reiz der Strecke aus. Sie beginnt in einer Stadt, die 1945 fast ganz verschwand, und endet in einem Dorf, dessen Alltag über Jahrzehnte so genau festgehalten wurde wie kaum ein anderer. Plane die Tour so, dass du das Filmmuseum offen erlebst.

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