Berliner Ortsteile / Lichtenberg / Alt-Hohenschönhausen
Alt-Hohenschönhausen
Ortsteil im Bezirk Lichtenberg · Runde 1 von 74
Alt-Hohenschönhausen liegt im Norden von Lichtenberg, zwischen Weißensee und der Großsiedlung Neu-Hohenschönhausen. Mit diesem Ortsteil habe ich die Serie begonnen: Am 2. Juli 2021 bin ich hier 13,6 Kilometer gelaufen, vom alten Dorfkern an der Hauptstraße zu den Villen am Obersee und Orankesee, am Sportforum entlang und durch die Genslerstraße mit der Gedenkstätte.
Kurz gesagt
- Hohenschönhausen wird 1352 zum ersten Mal erwähnt. Vom alten Dorf stehen an der Hauptstraße noch die Taborkirche, die Dorfschule und das Gutshaus, heute zwischen Plattenbauten.
- Ab 1893 entstand rund um Orankesee und Obersee eine Villenkolonie, der „Wannsee des Nordens“. Am Obersee steht das Haus Lemke von Ludwig Mies van der Rohe.
- 1945 richtete der sowjetische Geheimdienst an der Genslerstraße ein Lager ein, ab 1951 war dort das zentrale Untersuchungsgefängnis der Stasi. Heute ist dort die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.
- Zum Ortsteil gehört auch das Sportforum, ein Olympiastützpunkt mit 35 Sportanlagen.
Geschichte
Zum ersten Mal erwähnt wird Hohenschönhausen am 18. Juli 1352, in einer Urkunde aus Templin, die Heinrich Billerbeck als Pfarrer der Kirche nennt. Die Kirche war damals schon alt, die Feldsteinkirche an der Hauptstraße stammt aus dem 13. Jahrhundert. 1480 kam das Rittergut an die märkische Adelsfamilie von Röbel, die bis 1736 hier saß. Um 1690 entstand das Gutshaus, das bis heute an der Hauptstraße steht.
1893 gründeten Henry Suermondt und Julius Große-Leege die Grunderwerbs- und Baugesellschaft zu Berlin. Sie legte am Orankesee eine Landhauskolonie an, nach 1900 folgten das Villenviertel am Obersee und Wohnhäuser um die heutige Konrad-Wolf-Straße. Ab 1899 fuhr auf der heutigen Degnerstraße eine elektrische Straßenbahn, daran erinnert seit September 2026 eine Stele an der Degnerstraße 30/32. Am 1. Oktober 1920 kam Hohenschönhausen zu Groß-Berlin, in den Bezirk Weißensee.
Am 22. April 1945 nahm die Rote Armee Hohenschönhausen ein. Im Mai richtete der sowjetische Geheimdienst auf dem Gelände einer Großküche der NS-Volkswohlfahrt an der Genslerstraße das Speziallager Nr. 3 ein. Ab 1947 war es das zentrale sowjetische Untersuchungsgefängnis, 1951 übernahm es das Ministerium für Staatssicherheit. Rund um die Genslerstraße lag danach ein Sperrgebiet, nach dem „Militärstädtchen“ in Karlshorst das zweitgrößte in Ost-Berlin.
In den 1950er Jahren begann am Weißenseer Weg der Bau des Sportforums. 1975 bis 1978 entstanden an der Landsberger Allee überwiegend elfgeschossige Wohnhäuser für rund 18.000 Menschen. Zwischen 1979 und 1984 rückten die Plattenbauten bis an den alten Dorfkern heran, auf beiden Seiten der Hauptstraße wurden alte Gebäude abgerissen. 1985 wurde Hohenschönhausen ein eigener Stadtbezirk, seit 2001 gehört es zu Lichtenberg. Den Namen Alt-Hohenschönhausen trägt der Ortsteil zur Unterscheidung von der Großsiedlung Neu-Hohenschönhausen.
Was Alt-Hohenschönhausen ausmacht
Das alte Dorf ist an der Hauptstraße noch zu erkennen, der ältesten Straße des Ortsteils. Kirche, Dorfschule, Gutshaus und Wohnhäuser mit Scheunen stehen als Ensemble unter Denkmalschutz, gleich dahinter beginnen die Plattenbauten. Im Westen liegen die Villen rund um Obersee und Orankesee. Um 2000 kamen am Ufer des Orankesees neue Reihen- und Doppelhäuser dazu. Die beiden Seen und ihre Parks sind ein Ausflugsziel auch für Leute aus anderen Ortsteilen.
Aus den 1920er und 1930er Jahren stammen mehrere Siedlungen. An der Paul-Koenig- und der Titastraße baute die Gehag 1926 und 1927 nach Entwürfen von Bruno Taut eine Kleinhaussiedlung. Dazu kommen die Siedlung an der Dingelstädter Straße, der Flusspferdhof und der Gertrudenhof von 1933. Aus der DDR stammen die Hochhäuser an der Landsberger Allee, aus den 1990er Jahren das Quartier „Weiße Taube“ mit knapp 1.200 Wohnungen.
Mit der Industriebahn kamen Betriebe, vor allem zwischen Große-Leege-Straße und Ferdinand-Schultze-Straße. Eine frühere Schokoladenfabrik ist heute ein Wohnhaus. Im Westen liegen die Berliner-Kindl-Schultheiss-Brauerei und ein Betriebshof der BVG. Zum Sportforum gehört ein Schul- und Leistungssportzentrum.
Orte, die sich lohnen
Siedlung an der Dingelstädter Straße
Die Häuser an der Dingelstädter Straße, am Allendorfer Weg und an der Witzenhauser Straße gehören zu einer Siedlung von Richard Reiche, gebaut 1926 bis 1930. Sie heißt „Di Ki Fa“, das steht für „Die kinderreiche Familie“. Ein zweiter Spitzname ist „Klein Moskau“.
Friedhof an der Gärtnerstraße
Auf dem Städtischen Friedhof Hohenschönhausen steht eine kleine Kapelle aus Backstein.

1995 wurden bei Suchgrabungen rund um das frühere Speziallager Nr. 3 Gebeine von Toten des Lagers gefunden und hier bestattet. Seit dem 24. Oktober 1998 erinnert der DENKOrt an sie, nach einem Entwurf des Designers Manfred Höhne. Dornige Sträucher säumen den Zugang, der Eingang ist ein Labyrinth aus Eichenbohlen. Auf dem Gräberfeld liegen Feldsteine ohne Namen, die für die Toten stehen. Ein Gedenkstein trägt eine gusseiserne Tafel.

Taborkirche und Dorfkern
Die Taborkirche ist das älteste Gebäude des Ortes, eine Feldsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert, 1905 umgebaut.

Neben der Kirche steht die alte Dorfschule von etwa 1890, ein Stück weiter das Wohnhaus Hauptstraße 12 von 1882. An der Hauptstraße 44 steht das Gutshaus, auch Schloss genannt. Es wurde mehrmals umgebaut, zuletzt um 1950. Es gehörte den von Röbel und später unter anderem dem Reformer Christian Friedrich Scharnweber.
Obersee und Wasserturm
Der Obersee ist künstlich angelegt und liegt etwa anderthalb Meter höher als der Orankesee. Die Löwenbrauerei bekam von hier ihr Eis. Nicht weit vom Ufer steht der 55 Meter hohe Wasserturm. Bis 1922 versorgte er die Gegend mit Wasser, im Zweiten Weltkrieg war er Flakturm, in der DDR Funkstation. Heute wird im Turm auch gewohnt.

Haus Lemke
Ludwig Mies van der Rohe hat das flache Ziegelhaus am Obersee für Martha und Karl Lemke entworfen. Karl Lemke hatte eine Druckerei in der Mühlenstraße in Friedrichshain. Gebaut wurde ab August 1932, im März 1933 war das Haus fertig. Der Grundriss in L-Form hatte auch mit den Kosten zu tun. Den Garten plante das Büro von Karl Foerster, gestaltet hat ihn Herta Hammerbacher. Ein Walnussbaum auf der Terrasse markiert die Mitte.

Ab Oktober 1945 nutzte die Rote Armee das Haus als Garage, ab den 1960er Jahren die Stasi unter anderem als Wäschedepot. 1977 kam es unter Denkmalschutz. Seit einer Sanierung von 2000 bis 2002 ist es wieder offen, als Ausstellungshaus des Bezirks für Kunst. Im Garten steht die Stahlskulptur „Aufsicht um die Kante“ von Ruth Baumann aus dem Jahr 1994. Mehr zum Haus: Haus Lemke am Obersee.
Orankesee
Am Orankesee liegt ein Strandbad mit einem rund 300 Meter langen Sandstrand. Es heißt, der Sand komme von der Ostsee. Tatsächlich kam Aushubsand aus den Baugruben von Berolina- und Alexanderhaus am Alexanderplatz hierher. Das Villenviertel rund um die Seen bekam den Beinamen „Wannsee des Nordens“.

Sportforum
Ein langes Stück führt die Runde am Sportforum entlang. Gebaut wurde es ab den 1950er Jahren, die Dynamo-Sporthalle ist von 1958. Heute ist das Gelände ein Olympiastützpunkt mit 35 Sportanlagen.

Ein Stück abseits, an der Südfassade der Trainingshallen, hängt ein Fries aus getriebenem Kupfer, 80 Meter lang und 5 Meter hoch. Entworfen hat ihn Wolfgang Frankenstein, entstanden ist er 1970 bis 1973. Dargestellt sind vierzehn Sportler*innen und Gruppen, unter anderem eine Turnerin auf dem Schwebebalken, Radfahrer, Läufer und Boxer.

Konrad-Wolf-Straße
Die Konrad-Wolf-Straße hieß früher Hohenschönhauser Straße und war schon lange die Hauptachse zwischen dem alten Dorf und dem Berliner Zentrum.
Vor der Nummer 60 liegen seit 2004 Stolpersteine für die Familie Senger. Arthur und Erna Senger hatten 1922 in Hohenschönhausen geheiratet. Ende 1935 musste Erna Senger ihr Geschäft für Damenunterwäsche wegen antisemitischer Boykotte schließen, Arthur Senger leistete später Zwangsarbeit bei der Reichsbahn. Am 19. Februar 1943 wurden beide mit ihren Kindern Edith, geboren 1923, und Günter, geboren 1926, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Etwa 200 Meter abseits der Runde, an der Konrad-Wolf-Straße 91, erinnert seit 2000 ein Gedenkstein an die Synagoge der „Jüdischen Gemeinschaft Hohenschönhausen“, die es von 1935 bis 1938 gab.
Sowjetisches Ehrenmal
Auf der Grünfläche zwischen Reichenberger und Strausberger Straße steht das Sowjetische Ehrenmal, angelegt 1947 und 1948, erneuert 1974 und 1975. An einer weißen Wand sind zwei Rotarmisten, eine Frau im Profil und ein Band mit Kriegsszenen zu sehen, dazu die Inschrift auf Deutsch und in kyrillischer Schrift „EWIGER RUHM DEN HELDEN DER SOWJETARMEE“. Im Boden liegt ein roter Stern aus Metall. Das Ehrenmal erinnert an die Soldaten, die bei der Einnahme Hohenschönhausens im April 1945 gefallen sind. Soldaten, die zuerst hier bestattet waren, wurden 1947 und 1948 zusammen mit Toten aus einem nahen Lazarett nach Schönholz umgebettet.

Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
An der Ecke Freienwalder Straße und Genslerstraße beginnt das frühere Sperrgebiet. Seit April 2008 machen eine Bodenmarkierung und zweisprachige Tafeln seine Grenze sichtbar. Außer dem Gefängnis lagen hier unter anderem ein Arbeitslager und der Operativ-Technische Sektor der Stasi, zuständig für Abhöranlagen, versteckte Kameras und gefälschte Pässe. Ab den frühen 1970er Jahren war das Gebiet auf den Stadtplänen von Ost-Berlin eine leere Fläche.
Das Gefängnis an der Genslerstraße 66 wurde um 1935 als Großküche gebaut und 1958 bis 1960 erweitert. Im Keller der Großküche bauten Häftlinge für die sowjetische Geheimpolizei einen fensterlosen Bunkertrakt, das „U-Boot“. Dort brannte Tag und Nacht eine Glühbirne. Auf dem Gelände lag auch das Haftkrankenhaus der Stasi. Seit 2004 steht dort der letzte erhaltene Gefangenentransportwagen der Reichsbahn, der „Grotewohl-Express“. Die Gedenkstätte ist seit 2000 eine Stiftung.


Flusspferdhof
Ein Stück abseits der Runde, zwischen Große-Leege-Straße, Goeckestraße, Simon-Bolivar-Straße und Strausberger Straße, steht die Wohnanlage Flusspferdhof. Paul Mebes und Paul Emmerich bauten sie Anfang der 1930er Jahre im Stil des Neuen Bauens, mit Laubengängen und bezahlbaren Mieten. Ihren Namen hat sie von der Skulptur im Brunnen in der Mitte. Die Vorgärten und Gartenhöfe stehen als Gartendenkmal unter Schutz.
Meine Runde
Für die 13,6 Kilometer habe ich gut zweieinhalb Stunden gebraucht. Ich bin durch die Siedlung an der Dingelstädter Straße nach Norden zum Friedhof und zum alten Dorfkern gelaufen und dann weiter nach Westen bis an den Faulen See. Das Naturschutzgebiet dort gehört schon zu Weißensee, die Runde streift es nur. Danach geht es durch die Villenkolonie um Obersee und Orankesee, lange am Sportforum entlang und über die Konrad-Wolf-Straße und die Genslerstraße in den Süden des Ortsteils.

Am Wegesrand
Der Mann mit der Taschenlampe. Der letzte private Besitzer des Gutshauses war der Fabrikant Paul Schmidt. Ihm wird die Erfindung der Taschenlampe zugeschrieben. Seit 2016 erinnert am Haus eine Gedenktafel an ihn.
Ein leeres Gelände an der Gehrenseestraße. Zwischen Gehrensee-, Haupt- und Wollenberger Straße lag laut HOWOGE eine Siedlung für Vertragsarbeiter*innen der DDR, die seit 1994 leer stand. Ende 2021 plante die HOWOGE hier ein neues Quartier mit mehr als 1.000 Wohnungen, einer Grundschule und zwei Kitas.
Hinterm Mietshaus der Bauernhof. Die Simon-Bolivar-Straße hieß bis in die 1980er Jahre Quitzowstraße. Dort lag hinter einem Mietshaus noch ein Bauernhof. Eine Bewohnerin, geboren 1918, hat sich an ihre Kindheit dort erinnert. Bei der Geburt wog sie etwa zweieinhalb Pfund und lag in einem Schuhkarton in der Ofenröhre. Später nahm der Bauer Meißner sie mit aufs Feld.
„Die Gedanken sind frei“. So heißt die Skulptur aus Metall und Granit an der Ecke Freienwalder Straße und Genslerstraße, am Rand des früheren Sperrgebiets. Gemacht hat sie 1996 der Kunstschmied Gösta Gablick.
Gut zu wissen
Mit der Bahn: Der S-Bahnhof Gehrenseestraße (S75) liegt an der Grenze zu Neu-Hohenschönhausen, nicht weit von der Runde.
Mehr auf dieser Seite: Der Grüne Hauptweg 7, der Hönower Weg, führt am Obersee und am Haus Lemke vorbei. Die dritte Tour der Serie Jüdisches Berlin führt vom Gesundbrunnen nach Alt-Hohenschönhausen, zur Lilli-Henoch-Halle am Sportforum und zum Gedenkstein für die Synagoge.
Von Alt-Hohenschönhausen aus weiter
5 Ortsteile grenzen an, mit Richtung und Entfernung von Mitte zu Mitte.