Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen liegt am früheren zentralen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit an der Genslerstraße. Der Ort hat mehrere Zeitschichten: Vor der Stasi nutzte ihn der sowjetische Geheimdienst, davor stand hier eine Großküche. Ich bin am 12. Dezember 2021 auf meiner Strecke vom Stasimuseum hierher gelaufen, einige Fotos sind von Besuchen im Juli 2021 und im Februar 2023.
Steckbrief
Ort
Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Genslerstraße 66, Berlin-Alt-Hohenschönhausen
Zustand
Ehemaliges Untersuchungsgefängnis erhalten, seit 1994 Gedenkstätte
Nächste Haltestelle
Tram M5 Freienwalder Straße, knapp 600 Meter zu Fuß
Gelaufen am
12. Dezember 2021
Großküche und Speziallager
Auf dem Gelände stand ab 1939 eine Großküche der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt. Im Mai 1945 richtete der sowjetische Geheimdienst dort das Speziallager Nr. 3 ein, ein Internierungs- und Durchgangslager. Nach Angaben der Gedenkstätte kamen mehr als 16.000 Männer, Frauen und Jugendliche durch das Lager, zeitweise waren mehr als 4.200 gleichzeitig dort. Schlechte Hygiene, zu wenig Essen und fehlende ärztliche Versorgung führten zu vielen Toten, die Gedenkstätte schätzt rund 1.000. Zu den Internierten gehörten Menschen mit tatsächlichen oder vermuteten NS-Verbindungen, aber auch Denunzierte und politische Gegner der Besatzungsmacht. Auch das Speziallager in Oranienburg gehörte zu diesen Lagern, mehr dazu im Beitrag Speziallager Sachsenhausen.
Das U-Boot
Ab 1947 war der Ort das zentrale sowjetische Untersuchungsgefängnis. Im Keller der früheren Großküche entstand ein Zellentrakt ohne Fenster, der „U-Boot“ genannt wurde. Er war feucht und schlecht belüftet, anfangs gab es keine Heizung, und es gab Verhöre in der Nacht. Ehemalige Häftlinge haben auch Gewalt dokumentiert.


Das Untersuchungsgefängnis der Stasi
1951 übernahm das Ministerium für Staatssicherheit das Gelände. Ende der 1950er Jahre bauten Arbeitshäftlinge einen Neubau, der 1960 fertig war, mit mehr als 100 Zellen auf drei Etagen und Vernehmungsräumen. Zwischen 1951 und 1989 saßen hier rund 11.000 Menschen in Untersuchungshaft. Es ging nicht um Strafvollzug nach einem Urteil, sondern um Haft in politischen Verfahren. Betroffen waren Oppositionelle und vermeintliche politische Gegner, nach dem Mauerbau zunehmend Menschen, die fliehen oder ausreisen wollten. Die Gefangenen sollten nicht wissen, wo sie waren, und keinen Kontakt zueinander haben. Körperliche Misshandlungen der frühen Jahre gingen seit den 1960er Jahren stärker in psychische Zermürbung über.
Zu den Inhaftierten gehörte der Journalist Karl Wilhelm Fricke. Er wurde 1955 aus West-Berlin entführt, in Hohenschönhausen rund 15 Monate lang verhört und in einem Geheimprozess zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt.
Mehr als ein Gefängnis
Das Haftkrankenhaus hatte ab 1959 28 Betten, bis 1989 wurden mehr als 2.600 Menschen eingeliefert. Eine ärztliche Schweigepflicht gab es dort nicht. In der Gedenkstätte steht seit 2004 ein Gefangenentransportwagen der Reichsbahn, der „Grotewohl-Express“ mit 18 sehr kleinen Zellen, der zwischen Haftanstalten fuhr. Zum Arbeitslager „X“ nennt die Tafel an der Genslerstraße 69 für die Jahre 1962 bis 1974 etwa 8.000 Gefangene. Diese Zahl gehört zu einem anderen Haftzusammenhang als die 11.000 Untersuchungshäftlinge.
Um das Gefängnis lag ein großes Sperrgebiet. Dort arbeitete unter anderem der Operativ-Technische Sektor, der Abhörtechnik, versteckte Kameras und gefälschte Dokumente entwickelte. Auch die Abteilung Bewaffnung und Chemischer Dienst und Teile der Verwaltung Rückwärtige Dienste hatten hier Standorte. Nicht jedes dieser Gebäude gehört zur heutigen Gedenkstätte.
Schließung und Gedenkstätte
Nach der Friedlichen Revolution wurde das Gefängnis 1990 geschlossen. 1994 wurde die Gedenkstätte eröffnet, seit etwa 2000 arbeitet sie als Stiftung. Die Toten des Speziallagers wurden anonym in der Umgebung verscharrt. Die Stiftung hat ein Totenbuch für das Speziallager und Haftarbeitslager von 1945 bis 1949 veröffentlicht.
Eine Berliner Gedenktafel an der Genslerstraße nennt die Gedenkstätte „Ort des Leidens und Sterbens verfolgter Menschen“.









Gut zu wissen
Die Gedenkstätte bietet Führungen und Ausstellungen an, Öffnungszeiten und Preise stehen auf der Seite der Stiftung. Nach der Besucherordnung sind Fotos für den privaten Gebrauch erlaubt, für gewerbliche Aufnahmen und alle Film- und Tonaufnahmen braucht es die Zustimmung der Gedenkstätte. Von der Tramhaltestelle Freienwalder Straße (M5) sind es knapp 600 Meter bis zum Eingang. Etwa einen Kilometer nördlich steht am Obersee das Haus Lemke, das zeitweise Stasi-Depot war.
Am Weg
Meine Strecke von der Stasi-Zentrale endet hier: Vom Stasimuseum zur Gedenkstätte Hohenschönhausen. Mehr zum Ortsteil steht auf der Seite Alt-Hohenschönhausen.
Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.
Weitere Orte dieser Art stehen in der Rubrik Gedenkorte.
