Unterwegs zu Fuß

Schiffshebewerke Niederfinow: Der Aufzug von 1934 und sein Nachbar von 2022

Blick über den unteren Vorhafen auf das alte Schiffshebewerk Niederfinow von 1934 und das neue Hebewerk daneben

Das alte Schiffshebewerk von 1934 und das neue von 2022 vom unteren Vorhafen aus.

In Niederfinow stehen zwei Schiffshebewerke nebeneinander. Das alte von 1934 ist laut Reiseland Brandenburg das älteste noch arbeitende Hebewerk Deutschlands, das neue läuft seit Oktober 2022 daneben. Beide heben Schiffe um 36 Meter vom Finowtal hinauf auf den Oder-Havel-Kanal. Ich bin hier zweimal vorbeigekommen: im Mai 2021 auf der sechsten Etappe des Rundwanderwegs Schorfheide, als das neue Hebewerk fertig dastand und noch nicht arbeitete, und im Juni 2022 am Anfang meiner Tour nach Bad Freienwalde.

Vier Schleusen, dann ein Aufzug

Der Oder-Havel-Kanal wurde 1914 eröffnet, und an seinem Ostende mussten die Schiffe 36 Meter hinunter ins Oderbruch. Dafür gab es zuerst die Schleusentreppe Niederfinow: vier Kammern hintereinander, eine Fahrt durch alle vier dauerte laut ingenieur.de fast zwei Stunden. Für den wachsenden Verkehr war das zu langsam, und so entstand von 1927 bis 1934 das Hebewerk. Die Schleusentreppe blieb bis 1972 in Betrieb, ihre Reste liegen heute rund 150 Meter neben dem Rundwanderweg.

Das Hebewerk war eines der größten Wasserbauvorhaben der Weimarer Republik. Rund 300 Bohrungen gingen dem Bau voraus, die Fundamente wurden mit Druckluft-Senkkästen bis zu 20 Meter tief in den Boden gebracht. Ab 1930 setzte ein 60 Meter hoher Portalkran die Stahlteile zusammen, 14.000 Tonnen Stahl, alle genietet. Am 21. März 1934 fuhr der erste Trog. Das Prinzip mit den Drehriegeln, die den Trog in jeder Lage sichern, stammt von Oberregierungsbaurat Alfred Loebell. 2007 erklärte die Bundesingenieurkammer das Hebewerk zum Historischen Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland (alle Angaben nach ingenieur.de).

Wie das alte Hebewerk funktioniert

Der Trog ist 85 Meter lang und 12 Meter breit, das Wasser darin steht 2,50 Meter hoch. Mit Wasser wiegt er rund 4.290 Tonnen, und genau dieses Gewicht hängt auf der anderen Seite als Gegengewicht: 192 Betonblöcke, verbunden über 256 Stahlseile von 52 Millimetern Stärke, die über 128 Seilscheiben mit 3,50 Metern Durchmesser laufen. Weil sich Trog und Gegengewichte die Waage halten, reichen vier Motoren mit je 55 Kilowatt für die Fahrt. Der reine Hub dauert etwa fünf Minuten, eine ganze Schleusung mit Ein- und Ausfahrt rund zwanzig Minuten (ingenieur.de).

Dass ein Schiff im Trog schwimmt und der Trog deshalb immer gleich viel wiegt, egal ob ein Schiff drin ist oder nicht, ist der Trick an der Sache: Das Schiff verdrängt genau so viel Wasser, wie es selbst wiegt.

Der Nachbar von 2022

Für heutige Schubverbände ist der alte Trog zu klein, deshalb steht seit 2022 das neue Hebewerk direkt daneben. Gebaut wurde ab 2008, die erste Trogfahrt gab es im April 2020, freigegeben für den Verkehr wurde es am 4. Oktober 2022. Der neue Trog ist rund 115 Meter lang, 12,50 Meter breit und 4 Meter tief, gefüllt wiegt er fast 10.000 Tonnen; acht Motoren mit je 160 Kilowatt bewegen ihn, eine Schleusung dauert etwa 16 Minuten (ingenieur.de). Laut Baunetz Wissen stecken 65.000 Kubikmeter Beton und 8.900 Tonnen Stahl in dem Bau, die Kosten lagen bei 520 Millionen Euro. Entworfen hat es die Bundesanstalt für Wasserbau, einen Architekturwettbewerb gab es nicht.

Seit der Freigabe laufen beide Anlagen parallel. Als ich im Mai 2021 unten am Kanal stand, sah das neue Hebewerk schon fertig aus, nur fuhr noch nichts.

Vom Weg aus

Der Rundwanderweg Schorfheide kommt von Liepe aus unterhalb der Hebewerke vorbei: erst an der alten Schleusentreppe, dann unter dem Stahlgerüst von 1934 hindurch zum unteren Vorhafen, von wo aus beide Anlagen nebeneinander zu sehen sind. Danach führt der Weg am Finowkanal weiter zur Schleuse Liepe und zum Bahnhof Niederfinow. Wer von oben schauen will, nimmt den Besucherbereich: Von dort geht der Blick über den Trog und den Oder-Havel-Kanal.

Gut zu wissen

  • Der Besucherbereich mit Blick von oben kostet Eintritt, das Infozentrum des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts am Fuß des Hebewerks ist frei. Führungen durch das neue Hebewerk gibt es in der Saison täglich. Zeiten und Preise stehen bei Reiseland Brandenburg.
  • Vom unteren Vorhafen fahren Ausflugsschiffe, die durch eines der Hebewerke fahren. Abfahrten vorher heraussuchen.
  • Die Bushaltestellen Niederfinow, Schiffshebewerk und Niederfinow, Schleusentreppe liegen wenige hundert Meter entfernt, die zweite direkt am Rundwanderweg. Der Bahnhof Niederfinow (RB 60) ist rund drei Kilometer entfernt, am Ende der Etappe.
  • Einkehr gibt es an den Hebewerken und im Landhof Liepe.

Ort

Hebewerkstraße 70, Niederfinow (Barnim)

Gebaut

altes Hebewerk 1927 bis 1934, neues 2008 bis 2022

Zustand

beide in Betrieb

Zugang

Besucherbereich gegen Eintritt, Infozentrum frei, Zeiten saisonal

Nächste Haltestelle

Bus Niederfinow, Schiffshebewerk (ca. 460 m) und Niederfinow, Schleusentreppe (ca. 570 m, direkt am Rundwanderweg); Bahnhof Niederfinow (RB 60), ca. 3 km

Gelaufen am

17. Mai 2021 und 4. Juni 2022

Am Weg

Die Hebewerke liegen am Ende der Etappe 6 des Rundwanderwegs Schorfheide (Oderberg bis Niederfinow) und am Anfang der Tour Von Niederfinow nach Bad Freienwalde.

HNiederfinow, SchiffshebewerkHNiederfinow, Schleusentreppe
Der Standort ist nur ungefähr eingezeichnet. Die H markieren die nächsten Haltestellen.

Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.

Unterwegs war Sebastian. Mehr über mich