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Weißensee
Ortsteil im Bezirk Pankow · Runde 22 von 74
Weißensee liegt im Nordosten Berlins und trägt den Namen seines Sees. Am 3. Oktober 2021 bin ich hier 17,1 Kilometer gelaufen, vom Faulen See über Rathaus, Kunsthochschule und Kreuzpfuhl zum Weißen See und zum Jüdischen Friedhof.
Kurz gesagt
- Weißensee wird 1313 erstmals urkundlich erwähnt, kam 1920 als eigener Bezirk zu Groß-Berlin und ist seit 2001 ein Ortsteil von Pankow.
- 1877 fuhr die erste Pferdebahn aus Berlin nach Weißensee, ab 1913 arbeiteten hier Filmateliers.
- Der Jüdische Friedhof ist rund 42 Hektar groß und hat mehr als 115.000 Gräber.
- Die Runde führt an neun Orten vorbei, vom Rathaus bis zum Friedhofseingang. Die Straßenbahn M4 hält am Weißen See und am Antonplatz.
Geschichte
Weißensee ging aus einem Straßendorf des 13. Jahrhunderts hervor und wird 1313 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Der See hieß bis ins 19. Jahrhundert Großer See, dann setzte sich der Name Weißer See durch. 1540 entstand das Rittergut. Auf dem Gutsgelände wurde aus einem schlichten Herrenhaus ein schlossartiger Bau mit Park. Er diente später als Vergnügungslokal und brannte 1919 ab.
Der Wandel kam in den 1870er Jahren. Der Hamburger Großkaufmann Gustav Adolf Schön erwarb 1872 große Flächen und verkaufte sie wieder, 1877 fuhr die erste Pferdebahn vom Alexanderplatz zum Schloss. 1880 wurde der frühere Gutsbezirk zur Landgemeinde Neu-Weißensee, die 1895 schon 25.000 Einwohner zählte. 1905 vereinigte sie sich mit dem alten Dorf, 1920 gab Weißensee einem der neuen Berliner Bezirke den Namen.
In diesen Jahren bekam der Ort, was eine Stadt braucht. 1880 wurde der Jüdische Friedhof eröffnet, ab 1913 arbeiteten Filmateliers im Ort, und zwischen 1908 und 1915 entstand nach Entwürfen von Carl James Bühring das Gemeindeforum am Kreuzpfuhl. Die Filmproduktion ging in den späten 1920er Jahren zurück. 1946 gründeten Künstler*innen in Weißensee die Kunsthochschule, die bis heute im Ortsteil sitzt. Seit 2001 gehört Weißensee zum Bezirk Pankow.
Was Weißensee ausmacht
Weißensee besteht aus mehreren Teilen, die sich heute noch unterscheiden lassen: der alte Dorfkern an der Berliner Allee, das Komponistenviertel und das Munizipalviertel um den Kreuzpfuhl. Wer die Runde läuft, wechselt zwischen Gründerzeitstraßen, Klinkerbauten der 1910er Jahre und Parkflächen am Wasser.
Zwei Dinge geben dem Ortsteil sein Gewicht. Das eine ist die Filmgeschichte: Hier entstanden Kriminal-, Sensations- und Monumentalfilme, darunter „Das Cabinet des Dr. Caligari“. Davon sind ein Platz, zwei Kinos und eine Fabrik mit Kulturprogramm geblieben. Dazu kommt die Kunsthochschule, an der heute rund 850 Studierende lernen. Das andere ist der Jüdische Friedhof, der zu den größten in Europa gehört und auch in der Zeit des Nationalsozialismus in Betrieb blieb.
Orte, die sich lohnen
Rathaus Weißensee
Nach gut vier Kilometern bin ich an der Berliner Allee. Dort steht das Backsteinhaus mit der Nummer 252 bis 260, über dessen Eingang RATHAUS steht. Weißensee war ab 1920 ein eigener Bezirk mit eigener Verwaltung, zu dem auch Hohenschönhausen gehörte (mehr auf der Seite zu Alt-Hohenschönhausen). Heute sitzt in dem Haus das Bürgeramt.

Kunsthochschule Weißensee
Die Bühringstraße führt zum Campus der Kunsthochschule. Die Schule begann 1946 als Kunsthochschule des Nordens, ihre ersten Rektoren waren der Keramiker Jan Bontjes van Beek und der Designer und Architekt Mart Stam. Den Ausbau in den 1950er Jahren leitete der Bauhaus-Architekt Selman Selmanagić. Das Ensemble von 1955 bis 1956 mit Aula, Mensa, Schwimmbecken und Gartenanlage steht unter Denkmalschutz. Zur Ausstattung gehören Keramikreliefs mit Szenen aus dem Hochschulleben und ein Treppengeländer von Fritz Kühn. Die Aula wurde 2012 nach einer Restaurierung wiedereröffnet.
Brotfabrik und Caligariplatz
Von der Hochschule geht es zur Weißenseer Spitze, wo die früheren Bezirke Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee zusammentreffen. Die Brotfabrik war von 1890 bis Anfang der 1950er Jahre eine Bäckerei, 1986 eröffnete dort ein FDJ-Jugendklub, seit 1990 heißt das Haus Kunst- und Kulturzentrum Brotfabrik. Heute gibt es Kino, Bühne, Galerie und Kneipe. Der Vorplatz heißt seit 2002 Caligariplatz.

Delphi
Gleich nebenan steht das Delphi. Julius Krost baute es 1929 als Stummfilmkino mit 870 Plätzen. Seit 2012 wird das Haus als Kunst- und Kulturort genutzt, die Schweizer Edith Maryon Stiftung kaufte es 2016, um es dafür zu sichern. Das Innere ist überwiegend im Originalzustand erhalten.
Bethanienkirche am Mirbachplatz
Nach gut anderthalb Kilometern steht am Mirbachplatz der Turm der Bethanienkirche. Die Kirche von 1900 bis 1902 entwarfen Robert Leibnitz und Ludwig von Tiedemann. Im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bomben das Kirchenschiff, der rund 65 Meter hohe Turm blieb als Ruine stehen. Als ich im Oktober 2021 vorbeikam, stand der Turm noch ungenutzt da.

Gemeindeforum und Kreuzpfuhl
Hinter der Kirche beginnt das Munizipalviertel. Das Gemeindeforum ist als Ensemble von 1907 bis 1938 geschützt, mit Amtsgebäuden, Schule und Wohnhäusern. Bühring baute die Klinkerbauten um die Woelckpromenade, den Kreuzpfuhl in der Mitte machte die Gemeinde zu einem parkartigen Zentrum. Das Holländerquartier von Joseph Tiedemann, 1925 bis 1929, schließt sich an. Das Schulhaus an der Woelckpromenade, 1908 bis 1910 als Realschule nach Plänen von Bühring gebaut, gehört heute zum Primo-Levi-Gymnasium.
Weißer See
Vom Kreuzpfuhl ist es nicht weit zum Namensgeber des Ortsteils. Der Weiße See ist fast kreisrund, rund 8,5 Hektar groß und bis zu zehn Meter tief. Der Park, der heute am Ufer liegt, gehörte zum Schloss. 1908 kaufte ihn die Gemeinde. 1879 hatte am Ostufer ein erstes Seebad eröffnet, 1912 folgte ein Gemeindebad nach einem Entwurf von Bühring.

Kino Toni und Antonplatz
Vom See gehst du zurück zum Antonplatz. Der Platz entstand nach 1871 mit Hotels, Banken und einem Warenhaus und ist nach Anton Matthias Schön benannt. Am Platz steht das Kino Toni, 1920 als Decla-Lichtspiele eröffnet, im unteren Teil eines Wohnhauses. Es war das erste eigenständige Kino in Weißensee. Nach dem Zweiten Weltkrieg lief am ersten Weihnachtsfeiertag 1948 wieder Programm. Anfang der 1990er Jahre übernahm der Regisseur Michael Verhoeven das Haus, zum Toni kam das kleinere Tonino. 2011 bekam das Kino den Programmpreis der DEFA-Stiftung.
Jüdischer Friedhof
Der letzte Ort im Ortsteil liegt an der Herbert-Baum-Straße. Der Jüdische Friedhof wurde am 9. September 1880 eröffnet, nach Plänen von Hugo Licht. Am Eingang steht ein Denkmal für die sechs Millionen ermordeten Juden. Im Inneren gibt es eine Ehrenreihe, ein Urnenfeld von 1909 und einen Ehrenhain für gefallene jüdische Soldaten des Ersten Weltkriegs. Der Friedhof ist rund einen Kilometer lang und einen halben Kilometer breit. 1977 kam er auf die Denkmalliste Ost-Berlins, von 1996 bis 2012 wurden etwa 100 Familiengrabstätten und die Umfassungsmauer restauriert. Die zweite Trauerhalle von 1911 wurde im Krieg zerstört, die Ruine 1980 abgerissen. Mehr zum Friedhof steht in einem eigenen Beitrag.
Abstecher: Dorfkirche an der Berliner Allee
Im alten Dorfkern liegt die Kirche Berliner Allee 180. Sie wurde in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts aus Feldsteinen gebaut, nur der Turmunterbau stammt noch aus dieser Zeit. Westportal und Turmaufsatz entstanden 1830. 1943 brannte die Kirche aus, 1948 und 1949 wurde sie vereinfacht wieder aufgebaut.
Meine Runde
Die Runde ist 17,1 Kilometer lang und dauerte gut drei Stunden. Sie beginnt am Faulen See im Osten, führt über die Berliner Allee zur Kunsthochschule und weiter zur Brotfabrik. Danach geht es durch das Munizipalviertel, am Kreuzpfuhl und am Weißen See vorbei zum Antonplatz und zum Friedhof. Die letzten Kilometer liegen schon in Alt-Hohenschönhausen und führen am Orankesee vorbei, mehr dazu auf der Seite zu Alt-Hohenschönhausen.
Am Wegesrand
Aus der Fabrik in die Kunsthochschule. Die Kunsthochschule zog 1946 zunächst in die ehemalige Trumpf-Schokoladenfabrik. Das Bürogebäude der Fabrik von 1933 bis 1934 gehört noch heute zum denkmalgeschützten Gelände.
Der Platz hat einen Film zum Namen. „Das Cabinet des Dr. Caligari“ wurde in unmittelbarer Nachbarschaft des Delphi gedreht. Nach der Hauptfigur dieses Films ist der Caligariplatz benannt.
Ein Foyer mit vielen Nutzungen. Nach der Schließung des Delphi 1959 dienten Teile des Hauses als Gemüselager, Wäschereistützpunkt, Briefmarkengeschäft und Lager der DDR-Zivilverteidigung.
Kino in Privatbesitz. Das Toni war bis 1979 in privater Hand und das letzte privat geführte Kino in Ost-Berlin. 1982 öffnete es nach der Restaurierung wieder, nun volkseigen.
Pferdebahn zum Schloss. Anfang 1877 fuhr die erste Pferdebahn vom Alexanderplatz zum Schloss im Dorf Weißensee. Bis heute fährt hier die Straßenbahn.
Gut zu wissen
Mit der Bahn: Die Straßenbahn M4 fährt von S Hackescher Markt über Antonplatz und Weißer See bis Falkenberg. Beide Haltestellen liegen an der Runde.
Mehr auf dieser Seite: Zum Jüdischen Friedhof gibt es einen eigenen Rundgang mit Geschichte. Die Serie Jüdisches Berlin führt auch durch Weißensee, im Teil Von Pankow nach Mitte und im Teil Vom Gesundbrunnen nach Alt-Hohenschönhausen.
Von Weißensee aus weiter
6 Ortsteile grenzen an, mit Richtung und Entfernung von Mitte zu Mitte.