66-Seen-Wanderweg, Etappe 8 von 17 · Zum Gesamtbericht
Von Strausberg nach Rüdersdorf sind es gut 25 Kilometer. Los geht es am S-Bahnhof Strausberg Stadt, den die S5 alle 20 Minuten anfährt, das Ziel ist der Museumspark Rüdersdorf mit Anschluss an die Straßenbahn 88. Dazwischen liegen eine mittelalterliche Altstadt, ein sehr klarer See und ein Dorf mit Wassermühle, am Ende kommt der Kalk.
Ich bin am Samstag, dem 21. August 2021, in Strausberg losgegangen. In der Einteilung von Manfred Reschke ist das die achte von 17 Etappen. Die Etappen 5 bis 7 zwischen Wensickendorf und Strausberg bin ich noch nicht gelaufen, sie folgen. Hier beginnt bei mir der zusammenhängende Teil des Wegs, der über Bad Saarow und Halbe bis nach Potsdam reicht. Den Überblick über alle Etappen findest du im Gesamtbericht.
Inhalt dieser Etappe
Steckbrief
Strecke
25,1 km
Gehzeit
4:52 h
Start
S-Bahnhof Strausberg Stadt
Ziel
Museumspark Rüdersdorf
Gelaufen am
21. August 2021
Untergrund
Pflaster und Asphalt in Strausberg und Rüdersdorf, dazwischen Wald- und Wiesenwege
Einkehr
Café der Mühle Lemke in Hennickendorf, direkt am Weg (sonntags geschlossen)
- Mit der Bahn erreichbar
- Einkehr am Weg
Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), vereinfacht dargestellt.
Darum lohnt sich die Tour
- Altstadt von Strausberg mit Stadtmauer und St. Marien
- Straussee mit der Fähre an der Oberleitung
- Mühle Lemke und Wachtelturm in Hennickendorf
- Ankunft zwischen Kalköfen und Kanalportalen im Museumspark Rüdersdorf
Anreise
Hin
S5 bis Strausberg Stadt
Zurück
Straßenbahn 88 ab Rüdersdorf Museumspark bis S Friedrichshagen (S3) oder PlusBus 950 nach S Erkner
Takt
S5 alle 20 Minuten; Straßenbahn 88 werktags alle 20, sonn- und feiertags alle 30 Minuten; PlusBus 950 stündlich
Den PlusBus 950 zwischen Strausberg, Rüdersdorf und Erkner gibt es erst seit Dezember 2022, im Sommer 2021 fuhr er noch nicht. Vom S-Bahnhof Strausberg (nicht Strausberg Stadt) fährt außerdem die Straßenbahn 89 bis in die Altstadt.
Die Route
Durch die Altstadt von Strausberg
Los geht es am S-Bahnhof Strausberg Stadt. Nach ein paar hundert Metern bin ich an der alten Stadtmauer. Sie wurde um 1254 begonnen, ist rund 1.600 Meter lang und bis zu sechs Meter hoch, früher saßen 24 Wiekhäuser darin. Ein großer Teil davon ist gut erhalten, und der Weg führt ein Stück an ihr entlang. Am ehemaligen Müncheberger Tor erinnert eine Tafel an den Standort der Synagoge.
Durch die Große Straße geht es in die Altstadt. In den Gehweg sind Stolpersteine für jüdische Einwohner*innen eingelassen. Im März 1933 wurden ihre Geschäfte boykottiert, im November 1938 kam es zu Zerstörungen, 1942 wurden die letzten acht jüdischen Strausberger*innen deportiert.
Mitten in der Altstadt steht St. Marien. Die frühgotische Pfeilerbasilika wurde um 1250 gebaut und ist das einzige Gebäude, das aus der Gründungszeit der Stadt erhalten ist. Die Gewölbemalereien stammen von 1448. Ende des 18. Jahrhunderts wurden sie übertüncht und erst 1919 wieder freigelegt. Davor steht eine Infotafel, falls du es genauer wissen willst.

Strausberg hat noch eine jüngere Geschichte, die du in der Altstadt nicht siehst. 1956 entstand hier das Ministerium für Nationale Verteidigung der DDR, die Stadt war damit bis 1990 Sitz der militärischen Führung. Ein paar Schritte weiter begegnet mir der Strauß aus dem Stadtwappen. Warum ausgerechnet ein Strauß, steht unten bei Am Wegesrand.
Am Straussee
Hinter der Altstadt komme ich an den Straussee. Er gilt als sehr klar, die Sichttiefe reicht bis sieben Meter. Motorboote sind verboten, und das Ufer ist fast überall öffentlich. Vom Ostufer schaust du über das Wasser zurück auf die Altstadt.
Direkt am Weg liegt dort auch der Anleger der Strausseefähre. Sie hängt an einer Oberleitung, mehr dazu unten. Kurz danach geht es am Stadtmuseum vorbei, das die Stadtgeschichte von den Anfängen bis in die DDR zeigt, und dann verlässt der Weg den See und die Stadt.
Über Wiesen und durch Wald
Die nächsten gut zehn Kilometer gibt es keinen Ort. Der Weg führt über Wiesen und durch Wald nach Süden. Um Kilometer zehn bin ich im unteren Annatal, einem kleinen Tal.
Dieser Abschnitt ist ruhig. Wer Abwechslung braucht, findet sie hier eher im Kleinen: Wiesenränder, Waldwege, ab und zu ein Bahngleis. Für mich war es das Stück, auf dem ich einfach gelaufen bin.

Hennickendorf
Bei Kilometer 14 komme ich nach Hennickendorf. Als Erstes fällt ein Silo auf, auf das eine große Frauenfigur gemalt ist. Wer es gemalt hat, habe ich nicht herausgefunden. Hennickendorf wurde 1367 erstmals erwähnt und war lange ein Bauerndorf. Mit der Erschließung von Tonlagern wurde es zum Ziegeleistandort. Der Agrarreformer Albrecht Thaer schuf eine schiffbare Verbindung vom Stienitzsee zur Spree. 1970 wurde die Ziegelproduktion eingestellt, weil die Tonvorkommen erschöpft waren.
Mitten im Ort steht das Mühlrad der Mühle Lemke. An dieser Stelle stand ab 1798 eine Walkmühle für die Strausberger Tuchmacher. Nach einem Brand baute Ernst Schießer 1858 eine neue Wassermühle, seit 1870 ist sie in Familienbesitz. Sie gilt als eine der letzten oberschlächtigen Wassermühlen in Berlin und Brandenburg, das Wasser fällt also von oben auf das Rad. Heute gibt es dort eine Bäckerei mit zwei alten Backöfen, einen Hofladen und ein Café. Führungen sind nach Anmeldung möglich.
Ein paar hundert Meter weiter ist eine Hauswand mit dem Hennickendorfer Wappen bemalt. Gleich danach steht der Wachtelturm, geplant als Übungs- und Schlauchturm für die Feuerwehr und zugleich als Aussichtsturm. Seit 2012 liegt er am 66-Seen-Wanderweg. Hinauf kommst du von April bis Oktober freitags bis sonntags, wenn du vorher anrufst.


Am Stienitzsee
Hinter Hennickendorf geht es auf Waldwegen an den Stienitzsee, das Ufer ist dicht mit Schilf bewachsen. Am Kleinen Stienitzsee gibt es mehrere Quellen, die als Teiche gefasst sind, eine davon sprudelt an einem Rastplatz.


Von hier sind es noch rund sieben Kilometer bis Rüdersdorf, wieder vor allem Wald. Bei Kilometer 19 bestätigt ein Schild, dass ich noch auf dem 66-Seen-Wanderweg bin. Danach kündigt sich Rüdersdorf mit einem Schornstein und Industrieruinen am Wasser an.
Rüdersdorf: ankommen im Kalk


Rüdersdorf lebt seit Jahrhunderten vom Kalkstein. Der Stein stammt aus der Trias, damals lag hier ein flaches Meer, und die Schichten gehen auf Muscheln und andere Schalentiere zurück. Abgebaut wird hier seit über 770 Jahren, und der Tagebau ist bis heute in Betrieb. Er ist über vier Kilometer lang, über einen Kilometer breit und bis zu 100 Meter tief, geplant ist der Abbau bis mindestens 2062. Rüdersdorfer Kalkstein steckt unter anderem im Fundament des Brandenburger Tors und in den Treppen von Sanssouci.
Der letzte Kilometer der Etappe führt durch den Museumspark, der 1994 eröffnet wurde. Auf dem Gelände stehen Kalköfen aus mehreren Jahrhunderten. Die größte Anlage ist die Schachtofenbatterie mit 18 Öfen, gebaut von 1871 bis 1877 und 1967 stillgelegt, das Museum nennt sie die Kathedrale des Kalks. Zwei Kanäle führten früher Schiffe direkt an die Brüche heran. Das Portal des Heinitzkanals stammt von 1808, das des Bülowkanals trägt die Jahreszahl 1816 in römischen Ziffern über dem Bogen.


1875 lieferten die Kritzspuren und Gletschertöpfe im Rüdersdorfer Kalk den Beweis für die Inlandeistheorie des schwedischen Geologen Otto Torell, also dafür, dass Gletscher aus Skandinavien bis hierher gereicht haben. Und zu DDR-Zeiten galt Rüdersdorf als der Ort mit der höchsten Feinstaubbelastung im ganzen Land. Hinter der Schachtofenbatterie liegt eine verlassene Chemiefabrik, in der die US-Serie „Homeland“ für eine Folge ein Flüchtlingslager aufgebaut hat.
Das Ziel ist die Haltestelle Rüdersdorf Museumspark der Straßenbahn 88. Hier beginnt auch die Etappe 9 nach Hangelsberg.
Am Wegesrand
Ein Strauß, der eigentlich eine Schote ist

Im Strausberger Wappen steht ein silberner Strauß auf einem grünen Dreiberg, darüber schwebt ein Schild mit einem roten Adler. Mit Straußen hat die Stadt allerdings nichts zu tun. Der Name kommt wohl vom See, der wegen seiner länglichen Form „Strutz“ hieß, in mehreren slawischen Sprachen das Wort für Schote. Deutsche Siedler deuteten das zu mittelhochdeutsch „Struz“ um, also Strauß. Die Stadt selbst nennt diese Deutung umstritten.
Schon das älteste bekannte Siegel aus Urkunden von 1309 bis 1318 zeigt einen straußähnlichen Vogel, dazu ein Hufeisen, das zum Vogel gehören soll. Einen eindeutigen Strauß gibt es erst im Wappen um 1900. Der Adler kam 1418 dazu, als Zeichen dafür, dass die Stadt direkt dem Markgrafen unterstand.
Eine Fähre an der Oberleitung
Über den Straussee fährt seit 1894 eine Fähre, zuerst eine Seilfähre, die von Hand gezogen wurde. Seit 1915 fährt sie elektrisch, und zwar mit Strom aus einer Oberleitung, die über den See gespannt ist. Der Betreiber nennt sie eine in Europa einzigartige Personen-Seilfähre. Das heutige Schiff wurde 1967 gebaut und ist seit 1995 ein Denkmal. Die Überfahrt ist rund 350 Meter lang und dauert etwa sieben Minuten.
Seit 2005 betreibt die Strausberger Eisenbahn die Fähre. VBB-Tickets und das Deutschlandticket gelten an Bord nicht, du zahlst extra.
Gut zu wissen
- Die Strausseefähre fährt von April bis Oktober täglich alle halbe Stunde, im Winter nur am Wochenende und an Feiertagen. Den Fahrschein kaufst du an Bord, VBB-Tickets gelten nicht.
- Den Wachtelturm in Hennickendorf kannst du von April bis Oktober freitags bis sonntags nach telefonischer Absprache besteigen, die Mühle Lemke bietet Führungen nach Anmeldung an. Ihr Café hat montags bis samstags geöffnet, sonntags nicht.
- Der Museumspark Rüdersdorf hat im Sommer täglich geöffnet, im Winter dienstags bis sonntags. Aktuelle Zeiten stehen auf der Museumsseite.
- Zwischen Straussee und Hennickendorf liegen gut zehn Kilometer ohne Ort. Wasser und Proviant nimmst du am besten aus Strausberg mit.
- Rüdersdorf ist gut angebunden: Die Straßenbahn 88 fährt bis S Friedrichshagen, der PlusBus 950 nach Erkner zum RE 1 und zur S3.
- Die Etappen 5 bis 7 bis Strausberg folgen noch. Weiter geht es mit der Etappe 9 von Rüdersdorf nach Hangelsberg, die vorherige gelaufene Etappe ist die Etappe 4 von Hennigsdorf nach Wensickendorf.
Fazit
Die Etappe fängt mit viel Geschichte auf wenig Raum an: Stadtmauer, St. Marien, Stolpersteine und der Straussee liegen alle auf den ersten zweieinhalb Kilometern. Danach kommt ein langes, ruhiges Mittelstück über Wiesen und durch Wald, bevor Hennickendorf mit Mühle, Wandbildern und Wachtelturm wieder mehr bietet.
Am Ende steht mit Rüdersdorf ein ganz anderer Ort. Wer sich für Industriegeschichte interessiert, sollte Zeit für den Museumspark einplanen, denn schon ohne Museum sind 25 Kilometer mit Stadtrundgang am Anfang und Kalköfen am Ende ein voller Tag. Das Mittelstück ist ruhig, die zehn Kilometer ohne Ort ziehen sich aber.
Weitere Etappen
-
66-Seen-Wanderweg, Etappe 4: Von Hennigsdorf nach Wensickendorf
-
66-Seen-Wanderweg, Etappe 9: Von Rüdersdorf nach Hangelsberg
-
66-Seen-Wanderweg, Etappe 10: Von Hangelsberg nach Bad Saarow
-
66-Seen-Wanderweg, Etappe 11: Von Bad Saarow nach Wendisch Rietz
-
66-Seen-Wanderweg, Etappe 12: Von Wendisch Rietz nach Leibsch
